Veröffentlicht am 21.02.2019

Zwischen Jura und YouTube

Frau Kissner, wie wird man Fitness-Guru auf YouTube?
Anne Kissner: Im Studium hatte ich mit Sport gar nichts am Hut. Aber während des Referendariats habe ich einen Ausgleich gesucht für das lange Sitzen und Lernen. Bei der Suche nach Fitnessvideos im Internet habe ich festgestellt, dass es in Deutschland kaum weibliche YouTuberinnen in dem Bereich gab. In einer Nacht- und Nebelaktion haben mein Freund und ich deswegen unser erstes eigenes Fitnessvideo gedreht. Das war 2013, mit einem Samsung-Handy und noch ziemlich wacklig.

Mit den Videos von heute auf Ihrem Kanal BodyKiss nicht mehr zu vergleichen.
Heute drehe ich die Videos wie alle großen YouTuber mit einer Spiegelreflex-kamera und professionellen Ton- und Lichthilfen in unserer alten Scheune bei Freiburg. Die haben mein Freund und ich zu einem Fitnessraum umgebaut.

Mittlerweile haben Sie über 100.000 Abonnenten, Ihre Videos werden bis zu 250.000 Mal geklickt. Wie würden Sie sich bezeichnen: Als YouTube-Star oder als Juristin?
Ich sehe mich als Juristin, nicht als YouTube-Star, auch wenn ich von dem Hobby heute sogar leben kann.

Trotzdem haben Sie Ihre Tätigkeit als Anwältin für Arbeitsrecht weitestgehend aufgegeben.
Ja. Nach meinem Referendariat war ich noch vier Tage die Woche in einer Kanzlei beschäftigt. Aber zeitlich ging das bald nicht mehr: Das YouTube-Geschäft lässt sich nicht nur am Wochenende machen. Mittlerweile stecke ich den Großteil meiner Zeit in die Fitnessvideos. Vier bis fünf Stunden täglich gehen fürs Drehen, Schneiden und das Betreuen des YouTube-Kanals drauf.

Fitness, Ernährung und Trainingspläne gehören nicht gerade zum klassischen Pflichtfachstoff des Jurastudiums. Wie haben Sie sich das Wissen angeeignet?
Das hat mir mein Vater ein bisschen in die Wiege gelegt. Der war Banker, hat aber abends als Fitnesstrainer gearbeitet. Außerdem habe ich mir viel angelesen und mit Freunden gesprochen, die Physiotherapeuten sind.

Und welche Erfahrungen können Sie aus dem Jurastudium gebrauchen?
Seit wir die goldene Marke der 100.000 Abonnenten geknackt haben, bieten uns viele Firmen Kooperationen an und wollen Werbeverträge schließen. Da hat mir das Jurastudium so sehr geholfen wie kein anderes Studium. Alle Verträge, die ich schließe, prüfe ich zuvor genau. Weil YouTube-Stars oft jung und rechtliche Laien sind, wird alles unterschrieben. Teilweise kann ich über die Verträge nur den Kopf schütteln kann. Das sind oft wirkliche Knebelverträge.

Was steht in so einem Vertrag?
Da soll man sich zum Beispiel dazu verpflichten, sich äußerlich nicht zu verändern. Praktisch müsste man jeden Haarschnitt mit dem Unternehmen abstimmen. Das befindet sich dann im Kleingedruckten und wird von vielen übersehen. Oft verpflichtet man sich auch zu einer fixen Anzahl von Videos, also zum Beispiel zwei Jahre lang wöchentlich ein Video. So etwas mache ich nicht mit. Mein Freund und ich betreiben den Kanal zu zweit, da weiß man nie, was kommt.

Wie reagieren die Unternehmen darauf?
Manche hoffen bestimmt, dass ich einfach unterschreibe. Viele sagen aber auch, das stünde zwar jetzt im Vertrag, aber das sehe man ja alles gar nicht so eng. Da denkt man als Juristin natürlich anders und sieht immer schon den Worst Case kommen. Daraus hat sich dann ergeben, dass ich mittlerweile auch für andere YouTuber Verträge prüfe und abändere.

Jura spielt also nach wie vor noch eine große Rolle. Seit einiger Zeit machen Sie auch juristische Videos auf dem Ablegerkanal BodyLaw.
Damit habe ich angefangen, weil meine Fans viele Fragen zum Jurastudium gestellt haben. Anfangs habe ich noch kleine Videos mit juristischem Allgemeinwissen für den Bürger gemacht, zum Beispiel über die Kündigung im Arbeitsrecht. Da kamen aber so viele negative Kommentare von „Anti-Bürgern“, die dem Rechtsstaat misstrauen. Das war mir zu heftig, jetzt drehe ich nur noch Videos über das Jurastudium, Lerntipps und Motivation.

Was ist besser am Dasein als YouTuberin als am klassischen Anwaltsberuf?
In der Videoszene geht es natürlich lockerer zu. Das geht nicht so schwer von der Hand wie manche Sachen als Anwalt. Aber auch wenn YouTube noch so spaßig ist, fordert es mich natürlich geistig nicht so stark wie die Juristerei. Ich hoffe, dass ich die beiden Themen in Zukunft weiter verbinden kann. Deswegen plane ich gerade meine Promotion im Medienrecht über YouTube. Ich finde, man muss als Anwalt nicht immer so verstaubt sein, sondern kann ruhig auch mal mit der Zeit gehen!

Vielen Dank für das Interview!

 

 



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