Veröffentlicht am 09.09.2019

“When a man is tired of London, he is tired of life; for there is in London all that life can afford”

Londons kulturelles, sportliches und sonstiges Freizeitangebot ist so reichhaltig, dass man es auch in zwei Semestern unter allergrößten Anstrengungen im Bereich der Freizeitgestaltung nicht annährend auszuschöpfen vermag. Die schiere Anzahl an Konzerten, Festen, Märkten, Museen, Ausstellungen, Theatervorstellungen, Filmpremieren, Sportveranstaltungen und tausend anderen Dingen, die mir ganz bestimmt entgangen sind, ist überwältigend. Und auch das Studieren am King’s war nicht so verkehrt. Aber nach diesem euphorischen Rundumschlag zu Beginn mal schön geordnet und der Reihe nach:

Zum Studium:
Das „Studiergefühl“ in England ist vollkommen anders als in Deutschland. Deshalb waren die zwei Semester am King’s (WS 2012/ SS 2013) für mich mehr als eine nötige Auszeit vom deutschen Jurastudium. Sie wurden zu einer merklichen Zäsur, nach der ich mit viel neuer Motivation und wiedergewonnener mentaler Frische in die finale Studienphase und die anschließende Examensvorbereitung in Heidelberg starten konnte.Pro Fach (ich hatte vier Fächer gewählt) gab es zwei einstündige Vorlesungen wöchentlich, bei denen keine Anwesenheitspflicht herrschte, ein anwesenheitspflichtiges, vorlesungsbegleitendes „tutorial“, in dem der Stoff der Vorlesungen nachbereitet wurde - konzeptionell vergleichbar mit den AGs im deutschen Jurastudium -, und alle vier Wochen ein zweistündiges, ebenfalls anwesenheitspflichtiges „seminar“, in dem tiefergehende rechtlich-moralische, rechtspolitische oder rechtshistorische Themen in kleinem Kreis von höchstens 9 Studenten diskutiert wurden. Auch hier war die Anwesenheit grundsätzlich Pflicht. Anwesenheitsplicht bedeutet, dass das dritte Nicht-Erscheinen vom Tutor oder Seminarleiter der Uni bekannt gemacht werden musste, wobei ich nie erfahren habe, wie in einem solchen Fall die „Sanktionierung“ ausgesehen hätte.  Pro Fach mussten im Jahr zwei bis drei etwa fünfseitige Übungsessays geschrieben werden, die nicht absolut zwingend, aber „highly recommended“ waren. Zur Übung war es für mich sehr hilfreich, diese Essays auch wirklich zu schreiben, da man aus Deutschland kommend mit dieser Form der gedanklichen Auseinandersetzung mit juristischen Fragestellungen nicht besonders viele Erfahrungen hat. Gefordert wurden zumeist nämlich nicht die zuweilen etwas stupiden und schematischen Falllösung wie in Deutschland, sondern die Erörterung diffiziler rechtlicher Fragen in freier Argumentation.  Mir wurde relativ schnell klar, dass diese Art des Studierens viel mehr dazu anregt, sich mit über das bloße Auswendiglernen juristischen Standardwissens hinausreichenden rechtlichen und gesellschaftlichen Problemen zu beschäftigen -  etwas, das man als guter Jurist meiner Ansicht nach zwingend tun sollte. Entsprechend politisch bewusster und reifer (und auch „freidenkerischer“) kamen mir die britischen Studenten vor. Dieser ganzheitliche, nicht rein auf die Rechtsanwendung gerichtete und zur Einnahme begründeter, kritischer Positionen befähigende Ansatz hat mir sehr gut gefallen und mir im deutschen System dagegen oft gefehlt. 



Zum Studiergefühl:
Wichtig ist mir, darauf hinzuweisen, dass es sich um nichts weiter als um meine persönlichen, hoch subjektiven Eindrücke handelt. Mir kam es so vor, als seien die englischen Studenten deutlich unselbständiger im Lernen als ich es aus Deutschland gewohnt war. Es gab feste Leselisten, die von Woche zu Woche abgearbeitet werden mussten, die Lehrbücher wurden recht unzweideutig von den Professoren vorgegeben und die Tutoren stellten viele selbst angefertigte Skripten online. Im Allgemeinen war die Betreuung der Studenten viel umfassender als an deutschen Universitäten. So bekam z.B. jeder Student am Anfang des Semesters einen Vertrauenstutor zur Seite gestellt, der bei Problemen aller Art behilflich sein sollte. Die Versorgung mit Unterrichtsmaterial und hilfreichen Klausurtipps ließ keine Wünsche offen und erinnerte mehr an die Schule als an eine Universität nach deutschen Standards. Die Lehr- und Lerngeschwindigkeit erschien mir relativ moderat und auch ohne übermäßig hohen Aufwand recht gut zu meistern. Dennoch sollte nicht der Eindruck entstehen, man hätte überhaupt nichts tun müssen. Ich hatte viele Freunde, die ebenfalls ein Auslandsjahr während des Studiums gemacht haben, und kann aus Gesprächen und auch einigen Besuchen sagen, dass ein Jahr am King’s Collegen dem herkömmlichen Erasmus-Klischee nicht entspricht. Auch wenn es durch die an englischen Universitäten stark verbreitete Servicementalität der Lehrenden leicht ist, den Überblick über den Lernstoff zu bewahren, ist man eben während des gesamten Semesters gefordert, „dran zu bleiben“. Aus Heidelberg kannte ich eher – zumindest noch in den frühen Semestern – den Wechsel zwischen relativ langen Phasen der Entspannung und kurzen, intensiven Phasen der Anspannung vor den Klausuren. In England war es höchst unangenehm, nicht auf Tutorien oder Seminare vorbereitet zu sein und im Tutorium nur „mitzuschwimmen“ oder gar völlig abzutauchen. Mir ist das im Laufe eines Jahres selbstverständlich auch ab und an passiert und das waren bestimmt nicht meine schönsten Stunden. Darüber hinaus war das Diskussionsniveau nach meinem Empfinden gerade in den „seminars“ ziemlich hoch. Nur zurücklehnen, durch London schlendern und Pubs testen wäre als Strategie also fehlgeschlagen. Das gilt besonders vor dem Hintergrund, dass weder die Professoren noch die Tutoren wussten, wer Erasmus- und wer reguläre LLB-Studenten waren. Es gab keinen Erasmuszweig, keine extra-Vorlesungen und keine Behandlung mit Samthandschuhen. Die Anforderungen waren für alle gleich. Das gilt auch für die anonymisierten Abschlussklausuren, auf deren Deckblatt nur die Studierendennummer anzuführen war. 


Zum Abschluss:
Als „visiting student“ erhielt ich am Ende des Jahres ein „Certificate of Legal Studies“, ein gut aussehendes und jeden Lebenslauf zierendes Abschlusszeugnis. Mit 40% im Schnitt über alle Fächer hinweg erreicht man ein „pass“, sprich man besteht. Der durchschnittliche Student erreicht um die 60%. Der Bereich zwischen 60 und 69% gilt schon als durchaus erfolgreich, ein sogenanntes „upper second“. Ab 70% schließt man mit „first class honours“ ab und gehört je nach Jahrgang etwa zu den besten 10-15%. In diesem Fall wird man mit einem Certificate „with distinction“ belohnt.


Das Leben in London:
Ich hatte in London die bisher aufregendste, spannendste und in jedem Fall außergewöhnlichste Zeit meines Lebens. Das lag natürlich zu einem großen Teil an den Freunden, die ich dort gefunden habe, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aber auch an der Stadt selbst: Ich bin großer Fußballfan und da hatte London mit sechs Premier League Clubs und unzähligen weiteren Traditionsvereinen in den unteren Ligen mit phantastischen Stadien so viel zu bieten, wie kaum eine andere Stadt auf der Welt. Das Highlight in fußballerischer Hinsicht war für mich der Besuch des Länderspiels England gegen Brasilien im Wembley-Stadion, bei dem ich Ronaldinho in einem seiner letzten Länderspiele gesehen habe. Auch andere Stadien waren vor mir nicht sicher. So war ich z.B. bei Chelsea, Fulham, West Ham, Millwall und dem AFC Wimbledon (zugegeben, Wimbledon, so klangvoll der Name durchs Tennis auch ist, ist schon sehr unterklassiger Fußball und nur was für den harten Kern).Weitere sportliche Highlights waren der Besuch eines NBA Spiels (Basketball) in der 0²-Arena zwischen den New York Knicks und den Detroit Pistons und das Rugby-Länderspiel zwischen England und Südafrika im legendärsten Rugby-Ground der Welt, dem Twickenham Stadium, vor 84.000 Zuschauern.Sollte der Eindruck entstanden sein, ich hätte nur Sport geguckt, möchte ich dem auf der Stelle entgegenwirken. Ich war obendrein noch in den Musicals „Wicked“, „Lion King“, „Phantom of the Opera“ und „Les Miserables“ und kann alle vier nur in den höchsten Tönen loben. Sollte das Geld nur für eines reichen, empfehle ich ohne zu Zögern „Les Miserables“, das in seiner Londoner Version nicht ohne Grund das am längste aufgeführte Musical der Welt ist.Dazu kamen ein Besuch beim alljährlichen London Marathon (leider war ich zu der Zeit verletzt und konnte nicht selber teilnehmen) und ein eher betrübtes Ereignis, die Beerdigung von Iron Lady Margareth Thatcher samt Trauermarsch vom Parliament Square über den Strand (dort liegt übrigens in höchst prominenter Lage das King’s) bis hin zur St. Paul’s Cathedral. Die Geburt der Nummer 3 der Thronfolge, George, habe ich leider knapp verpasst, dafür war ich fast über die gesamte Schwangerschaftsspanne von Kate anwesend. Auch eine spannende Zeit ;)Neben London habe ich auch versucht, Großbritannien zu erkunden und bin gerade im ersten Semester viel gereist. Je näher die Prüfungen rückten, desto schwerer wurde es, etwas zu unternehmen. Daher hatte ich versucht, mit dem Reisen und Erkunden so früh wie möglich anfangen. Ich war in Brighton, Dover, Oxford, Cambridge, Bath, Stonehenge, Canterbury, Windsor, Eton, Dublin und Cardiff und kann all diese Reiseziele uneingeschränkt empfehlen. Was ich leider zeitlich nicht mehr hinbekommen habe, war ein Trip nach Schottland. Das würde ich auf jeden Fall verwirklichen, wenn ich alles noch einmal machen dürfte.


Fazit
Während des Jura-Studiums für ein Auslandsjahr nach London zu gehen und diese Erfahrung nicht etwa auf einen LLM (der ja trotzdem noch kommen kann) verschoben zu haben, war definitiv eine der besten Entscheidungen, die ich damals treffen konnte. Kaum ein Lebensabschnitt hat mich in so kurzer Zeit so sehr bereichert und nachhaltig geprägt, wie dieses Jahr in London. Ich kann jedem Studenten, der den scheinbar vorgezeichneten und etwas ereignisarm anmutenden Weg (Studium – Examen – Referendariat – Examen) einmal verlassen möchte,  nur ans Herz legen, die Abzweigung Auslandsjahr zu nehmen und mit neuen Impulsen nach Deutschland zurückzukommen.

 

 

 



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