Veröffentlicht am 06.03.2019

Mein Studienaufenthalt in Istanbul (2)

Studium und Universität (Kurse, Besonderheiten, Studienangebot)

Als Jurastudent an der Yeditepe Universität kann man aus einer Vielzahl von englischsprachigen Kursen auswählen. Es gab sogar zwei Kurse, die extra auf Erasmus-Studenten zugeschnitten waren. Dies waren „Basic Concepts of Turkish Law“ sowie „Comparative Criminal and Criminal Procedural Law“. Da man sich gewöhnlich als Jurastudent nicht viel anrechnen lassen kann an der Heimatuni, ist man recht frei und kann nach Interessen die anderen Kurse auswählen. Studenten von anderen deutschen Unis erzählten mir allerdings, dass es möglich sei, den großen Schein im Öffentlichen Recht während des Erasmusaufenthalts zu absolvieren. Ich weiß nicht, wie dies an der Christian-Albrechts-Universität gehandhabt wird.

Die Mindestvorgabe von 15 ECTS ist schon mit drei bis vier Kursen erfüllt, ich machte freiwillig fünf Kurse und ging jeden Tag zur Uni – meist hatte ich aber nur ein oder zwei Vorlesungen pro Tag. Andere schafften es auch recht einfach, sich alle Kurse auf drei bis vier Tage zu legen. Bei manchen Kursen herrschte Anwesenheitspflicht, bei anderen nicht. Insgesamt war es viel einfacher, sehr gute Noten zu erreichen als in Deutschland. Da es schon in der Mitte des Semesters die „Midterms“ gibt, ist man von Anfang an angehalten, den Stoff gut mitzulernen. So kommt kein großer Berg an Wissen zustande, der einem am Ende des Semesters geballt abgefragt wird. Vor den Prüfungen musste ich nur wenige Tage intensiver lernen und erreichte dann doch mit nicht allzu viel Aufwand sehr gute Noten. Dabei waren die Klausuren nicht mit deutschen Jura-Klausuren zu vergleichen. Auf etwas Ähnliches wie einen Gutachtenstil musste man nicht zurückgreifen. Je nach Fach unterschieden sich die Anforderungen, oft musste man eher kleine Aufsätze schreiben oder Definitionen wiedergeben.

Die anspruchsvollste Vorlesung war Europarecht bei Professor Haluk Kabaalioğlu, der schon für die EU gearbeitet hat. Anders als in Deutschland, wo erst einmal der Aufbau der europäischen Union im Vordergrund stand, lernten wir hier die Europäische Union anhand der klassischen Fälle kennen. Diese mussten wir vor jeder Vorlesung gelesen haben. Diese konnte einige Zeit in Anspruch nehmen. Für mich war es auch neu, dass man in der Vorlesung dann auch häufig drangenommen wurde, um einen Fall zusammenzufassen oder seine Meinung zu dem Thema kundzutun. Über den regen Austausch mit Erasmus-Studenten freute sich dieser sehr strenge aber doch auch sehr lehrreiche Professor sehr. Mir lag diese Art der Vorlesung sehr, da man immer dazu angehalten war, die aktuell behandelten Fälle auch wirklich zu kennen.

Die meisten anderen Vorlesungen forderten einen weniger, ließen aber auch teils viel Freiraum für eigene Interessen. In „Comparative Criminal and Criminal Procedural Law” sollten wir am Ende des Semesters eine achtseitige Hausarbeit zu einem Thema unserer Wahl schreiben, das zwei Rechtssysteme miteinander vergleicht. Ich schrieb über Marco Weiss aus Uelzen, der als 17 jähriger 247 Tage in Untersuchungshaft in der Türkei verbringen musste. In der Vorlesung griffen wir viele aktuelle Themen auf. Beispielsweise hinterleuchteten wir, wie in der Türkei mit Karikaturen von Erdoğan im Unterschied zu Deutschland mit Karikaturen von Merkel umgegangen wird. Ich fand es spannend, hochaktuelle Themen behandeln zu können und sie auch mitzubestimmen. Das kannte ich aus Deutschland kaum.

Daneben besuchte ich während der zwei Semester die Vorlesungen „International Law I“, „Legal Terminology II“, in der man viele rechtswissenschaftlich spezifische Vokabeln lernen kann, „Introduction to Economics I“, um meinen Horizont zu erweitern, wozu ich ja im Gegensatz zum Unileben in Deutschland Zeit hatte, „International Commercial Arbitration“ und den türkischen Sprachkurs.

Insgesamt gestaltete sich der Unialltag also weitaus entspannter und einfacher als in Deutschland. Meist verbrachte ich auch in der Uni viel Zeit mit anderen Erasmus-Studenten. Mit wenigen türkischen Kommilitonen kamen wir aber auch in Kontakt. Die Yeditepe Universität wird als private Universität eher von besser betuchten Studenten besucht. Der Campus liegt an einem Hang und ist von Mauern umschlossen. In den großen Gebäuden ist viel Platz, es gibt viele Cafeterien, Sportplätze, ein Schwimmbad, einen Außenpool, ein Fitnessstudio, einen Supermarkt, einen Buchladen, einen Friseur, Hunde und einen Bus, der einen umherfährt. Der Prunk wechselt sich gelegentlich mit der durch manch ungeschickte Organisation hervorgerufenen Unzulänglichkeit ab.

Sprachkurse

Ich habe im ersten Semester den Türkisch Sprachkurs für Anfänger besucht. Wir schritten recht langsam voran, dafür konnte man sich die Lerninhalte gut merken. Im zweiten Semester besuchte ich den Fortgeschrittenenkurs. Hier lernten wir schon viel schneller und ich merkte, dass ich im Alltag langsam ab und an mal etwas verstand. Leider haben die von der Universität angebotenen Kurse nicht gereicht, um mich anständig auf Türkisch unterhalten zu können, obwohl meine Klausurergebnisse sehr gut waren. Für sehr knappe Gespräche reicht es allerdings. Wer höher hinaus möchte, sollte sich nach privaten Kursen umsehen. Erfahrungsgemäß helfen auch Mitbewohner, die ausschließlich des Türkischen mächtig sind.

Freizeit

In Istanbul gibt es unendlich viele Dinge, die man in seiner Freizeit tun kann. Langweilig wurde mir wirklich nie. Ich habe über die gesamte Zeit immer neue Orte entdeckt und andere Bars kennengelernt. Im zweiten Semester im Frühling habe ich es sehr genossen, eine Prinzen-Insel nach der anderen zu besichtigen. Die Altstadt bietet eine Menge historischer Orte, es gibt viele verschiedene Viertel zum Ausgehen. Mit Freunden mietete ich öfter kleine Kunstrasenplätze, um Fußball zu spielen, wir veranstalteten viele Kochabende vor allem mit anderen Erasmus-Stundeten, hatten Spaß auf Bier-Pong-Partys und gingen viele Male in Taksim aus. In Istanbul ist es sehr üblich, auswärts essen zu gehen, man kann den Sonnenuntergang auf den Steinen am Bosporus genießen und auf den öffentlichen Plätzen im Park Basket- oder Volleyball spielen. An das Schwarze Meer kann man auch innerhalb von eineinhalb Stunden fahren und die Türkei bietet unglaublich viele Reiseziele. Ein Jahr ist dafür viel zu kurz.

Kosten

Insgesamt kostete mich das Erasmus-Leben mehr als mein Studentenleben in Deutschland. Obwohl die Wohnung günstiger war(, in Kadıköy muss man mindestens mit dem gleichen Preisniveau rechnen wie in Deutschland), gab ich den gesamten Zuschuss, den man durch das Erasmus- Stipendium erhält, zusätzlich zu meinem normalen Unterhalt aus. Dies lag vor allem daran, dass wir sehr viel ausgingen und das Bier recht teuer ist. Gelegenheiten zu konsumieren bieten sich jedenfalls umso mehr. Außerdem hatte ich weitaus mehr Freizeit als in Deutschland, wodurch ich weitaus mehr an sozialen Aktivitäten teilnahm. Die gelegentlichen Reisen, die ich unternahm, wirkten sich auch merklich auf meinen Kontostand aus. Das Essen kostet im Supermarkt ähnlich viel wie in Deutschland. Montags gab es einen Markt direkt an der Uni, auf dem man sehr günstig Lebensmittel einkaufen konnte (zum Beispiel einen Kilo Tomaten für 0,30€). 

Links und andere hilfreiche Informationsquellen

Ich habe mir vor meinem Aufenthalt bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) gratis ein Infoheft über die Türkei bestellt. Damit konnte ich schon einen generellen Überblick über Geschichte, Politik und Kultur erhalten. Auch las ich das Buch „Gebrauchsanweisung für die Türkei“ von Iris Alanyali. Dies gefiel mir aber nicht gut. Viele der Stereotypen über die Türkei, die in dem Buch wiedergegeben werden, widerlegten sich während meiner Zeit in Istanbul. Ansonsten ist immer ein Blick auf die Seite des Auswärtigen Amts hilfreich, um die Sicherheitslage einschätzen zu können. Auch kann man viele unsere türkisch stämmigen Mitmenschen in Deutschland um Rat fragen. 

Fazit

Oft habe ich Freunden gesagt, dass Istanbul die ideale Stadt für eine Erasmus-Erfahrung ist. Wer sich wünscht, nicht nur in ein anderes westeuropäisches Land zu gehen, sondern dem zu begegnen, über das viel abstrakt in den Nachrichten geredet wird, aber unsere eigene Lebenswirklichkeit selten berührt, der ist in Istanbul richtig aufgehoben. Auch für mich ist die Stadt die Schnittstelle von Europa zu Asien, von der westlich sozialisierten Welt zu anderen Lebensentwürfen. Tradition und Moderne prallen hier aufeinander. Ich finde, dass man in dieser Stadt viel über sich selbst und andere lernen kann, man kann viel entdecken, in verschiedensten Vierteln ausgehen, ruhig Tee trinken, an wilden Fußballspielen teilhaben, auf der Fähre gemütlich über den Bosporus schippern oder im Bus zerquetscht werden. Für ein Jahr ist es eine sehr aufregende Stadt, für immer wäre sie mir doch zu groß, hektisch und vollgestopft. Durch die aktuelle Lage und die Reaktionen aus der Heimat fühle ich mich dazu hingerissen, darauf hinzuweisen, dass ich mich trotz der Anschläge fast nie unsicher gefühlt habe. Ich habe mir immer die enorme Größe der Stadt bewusst gemacht und mir gesagt, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass mir etwas passiert. Wäre ich vor den Terroristen weggelaufen, hätte ich ihnen nachgegeben. Außerdem befindet sich die Yeditepe

Universität tief auf der asiatischen Seite, auf der es meines Wissens noch keinen Anschlag gab. Deswegen würde ich noch immer empfehlen, Istanbul als Ziel für ein oder zwei Semester auszuwählen.



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