Veröffentlicht am 18.09.2019

Mein Jura-Studium in Santiago de Compostela

Auf Platz 1 meiner Wahl landete Santiago de Compostela. Zum einen, weil ich dachte, dort bessere Chancen auf einen Platz zu haben, als in einer großen Stadt, zum anderen, um einen mir bis dahin völlig unbekannten Teil des Landes kennenzulernen.


So kam es, dass ich wenige Wochen später die lang ersehnte Antwort erhielt: Ich würde für fast zehn Monate nach Galicien gehen – in die regenreichste Stadt Spaniens, nur knapp 100.000 Einwohner, dazu noch offiziell zweisprachig und touristisch nur bekannt, weil die Stadt das Ziel des Jakobswegs darstellt.


Von den spanischen Wohnheimen wurde uns bereits in einer Informationsmail abgeraten – es ist nicht unüblich, dort nur Doppelzimmer vorzufinden und zudem sind sie auch nicht günstiger als WG-Zimmer. Ich habe meine WG über ein Internetportal gefunden,vor Ort habe ich jedoch schnell gemerkt, dass in den kleineren spanischen Städten ganz andere Verhältnisse herrschen, als in deutschen Universitätsstädten. Hier ist es schwieriger Mitbewohner zu finden als eine passende WG. Dazu habe ich für mein kleines Zimmer mit kleinem, eigenen Bad, aber mit großem Wohn- und Esszimmer, zentral gelegen und nur 5 Minuten von der Uni entfernt nur knapp 200€ warm zahlen müssen.


Ich kann nur jedem empfehlen, mit Einheimischen zusammenzuwohnen. Von Tag zu Tag habe ich gemerkt, wie meine Sprachkenntnisse sich verbesserten, dazu habe ich über meine Mitbewohnerinnen viele Spanier vor Ort kennengelernt, sowohl Freunde als auch Familie.


Die Galicier sind nämlich etwas zugeknöpfter als man es von Spaniern erwartet, sodass es gar nicht so einfach war, in den Vorlesungen Kontakte zu knüpfen.

 

In Galicien finden die Vorlesungen teilweise auf Spanisch, teilweise auf Galicisch statt. Als Erasmus-Student darf man sich natürlich für die spanischsprachigen Kurse anmelden. Dennoch war es die ersten Wochen ungewohnt ständig von zwei verschiedenen Sprachen umgeben zu sein, auch, weil sich viele Wörter ähnlich anhören und es mir schwer fiel, auf Anhieb zu unterscheiden, um welche Sprache es sich handelte. Nach einigen Wochen gewöhnt man sich aber auch hieran und nach einer Zeit kann man sogar den ein oder anderen Satz auch auf Galicisch verstehen. Gestört hat mich die Zweisprachigkeit nie, ich habe keinen einzigen Galicier kennengelernt, der darauf bestand, Galicisch zu sprechen. Die meisten sagten mir, ihnen wäre es völlig gleich auf welcher Sprache sie sprechen, es gäbe nur unterschiedliche (regionale) Gewohnheiten.

 

Das Studium an der Universität war eher ernüchternd. Zwar sind die Vorlesungen deutlich kleiner als in Deutschland (ca. 30-40 Studenten), jedoch ist das System dort deutlich verschulter als bei uns.  Dazu wird in den meisten Fächern nichts anderes gemacht, als Gesetze zu lernen. Der Professor spricht die meiste Zeit alleine, die Studenten schreiben jedes Wort genau mit und anschließend wird alles auswendig gelernt, denn in den Prüfungen dürfen auch keine Gesetze verwendet werden. Praktische Fälle wurden so gut wie gar nicht besprochen, auch in den „clases interactivas“ wurde wenn überhaupt mal ein Urteil gelesen. Die meisten Klausuren sehen so aus, dass die Aufgabenstellung einfach ein Überbegriff ist und der Bearbeiter einfach frei darunter alles schreiben soll, was ihm zum Thema einfällt.

 

Positiv überrascht hat mich jedoch die Atmosphäre unter den Austauschstudenten. Schon in der ersten Woche gab es von verschiedensten Stellen organisierte Kennlerntreffen für Internationals und Spanier, was es sehr leicht machte, Freunde zu finden. Ich habe vergleichsweise wenige Deutsche kennengelernt, dafür umso mehr Italiener und Südamerikaner. Da in Santiago alles fußläufig erreichbar ist und alle Studenten auch im Stadtzentrum leben, trifft man dort ständig Leute, die man kennt. Insgesamt habe ich das Sozialleben in Spanien als viel entspannter erfahren, als in Deutschland: abends ist immer irgendwo etwas los und man findet immer schnell jemanden, der mitkommen will. Auch ist es völlig normal, Leute einzuladen, die man nicht so gut kennt und es ist auch selbstverständlich, noch mehr Freunde mitzubringen, ohne vorher Bescheid zu geben.

 

Sowohl mit spanischen Freunden als auch mit anderen Austauschstudenten habe ich verschiedenste Ausflüge und Reisen unternommen, Madrid, Barcelona, Lissabon, Porto, Oviedo, Gijón, sowie die wunderschönen (und kaum besuchten) Strände Galiciens kennengelernt. In Santiago durfte ich eine ganz neue Seite des Landes kennenlernen, geprägt von keltischen Vorfahren wird hier Dudelsack gespielt, die Kneipen ähneln britische Pubs und auch die traditionellen Tänze erinnern an irische Volkstänze. Tapas muss man nicht kaufen sondern bekommt selbstverständlich zu jedem bestellten Bier eine Auswahl geschenkt, sodass man problemlos für 3€ zwei Bier und ein kleines Abendessen bekommt. Gewöhnungsbedürftig waren auch die Massen an Pilgern, die im Herbst und Frühling durch die Stadt strömten sowie in regelmäßigen Abständen Demonstrationen für ein unabhängiges Galicien.


Mit vielen Freunden von meiner Zeit dort habe ich noch heute Kontakt, bin mehrmals nach Santiago zurückgekehrt, habe Freunde in anderen Teilen der Welt besucht und auch bei mir zu Hause empfangen.


Abschließend lässt sich sagen, dass meine Monate in Spanien definitiv als Bereicherung waren, nicht nur, um die spanische Sprache zu lernen, sondern auch in persönlicher und kultureller Hinsicht. Kontakt zu so vielen verschiedenen Menschen aus der ganzen Welt aufbauen zu können, ermöglicht wirklich einen Blick über den Tellerrand hinaus und lässt einen viele Dinge aus einer anderen Perspektive sehen. Für mich war der Auslandsaufenthalt definitiv die beste Entscheidung.



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