Mein Auslandstrimester in Shanghai

Zuallerst lohnt sich – insbesondere für Juristen – der Besuch aus akademischer Sicht. Ich studierte an der Fudan University School of Law und belegte Kurse sowohl im LLM-Programm als auch in den normalen Vorlesungen mit chinesischen Studenten. Dadurch wurde man häufig mit Denkweisen und Ansichten konfrontiert, die einem als Westeuropäer und insbesondere als Deutscher teils fremd vorkamen. Der Grundgedanke der Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Gerichte, die freie Marktwirtschaft – alles Konzepte, die bei uns selbstverständlich etabliert sind, in China allerdings nicht uneingeschränkt so positiv betrachtet werden wie bei uns. Umso überraschender war es allerdings, dass man auch innerhalb der Universität auf viele offene und interessierte Menschen traf, die gerne bereit waren, auch über derart kontroverse Themen unvoreingenommen und leidenschaftlich zu diskutieren.


Auch abseits des akademischen Lebens bietet China eine schier unerschöpfliche Vielzahl an Gelegenheiten, Neues kennenzulernen. Allein die Reisemöglichkeiten im Landesinneren lassen keine Wünsche offen. So konnte ich mir endlich einen lange gehegten Wunsch erfüllen – den Besuch der chinesischen Mauer. Auf einem der Wachtürme zu stehen und den Verlauf der Mauer zu betrachten, die immer und immer weiter geht und irgendwann am Horizont verschwindet, das ist ein Moment, den ich nicht wieder vergessen werde. Unvergessen natürlich auch die Anreise aus Peking mit einem etwas windigen Privattaxi, dessen Fahrerin auf halbem Weg (wohlgemerkt mitten in der chinesischen Wildnis) den Preis nachverhandeln wollte… Und auch abseits der bekannten Touristenziele bieten sich tolle Ausflugsorte. Die Yellow Mountains waren der perfekte Ort für eine zweitägige Wandertour in den Bergen, Hangzhou, die „kleine“ Stadt nahe Shanghai (ca. 8 Mio. Einwohner) bietet einen wunderschönen See, alte Tempel und Ansichten wie in Reiseprospekten und Suzhou, die Stadt der Gärten, eröffnet faszinierende Einblicke in die alte chinesische Kultur. Nicht zu vergessen natürlich Nanjing mit dem bedrückenden Massaker Memorial und letztlich Peking mit all seinen Kulturschätzen, aber auch seinem politischen Charakter, den patrouillierenden Soldaten auf den Straßen und dem schwer bewachten Platz des himmlischen Friedens.


Doch auch Shanghai selbst bietet mehr als genug Abwechslung für ein halbes Jahr. Nach spätestens einer Woche hat man sich in die Shanghaier Küche verliebt. Es gibt eine Unmenge an kleinen, günstigen und hervorragenden Restaurants, die die ganze Bandbreite an asiatischen Köstlichkeiten anbieten. Und nicht nur chinesische Gerichte – das beste Sushi, das ich bisher hatte, gab es in Franks Restaurant in der West Nanjing Road 18. Und wer nach exotischen Gerichten sucht, von denen man zuhause erzählen kann – hier wird er fündig. Pferd, Esel, Fledermaus, Frosch, Hund, Taube, Schildkröte, Salamander, Insekten aller Art, alles gibt es und alles schmeckt erstaunlicherweise hervorragend.


Und wenn man nach dem Essen noch nicht zu müde ist, wartet das Nachtleben Shanghais – vielleicht das beste an der ganzen Stadt. Günstige Predrinks mit Livemusik im „Mural“, danach in riesige Clubs wie das „Myst“, kleine, mondäne Etablissments wie das „M1nt“ mit seinem Haifischaquarium oder den Klassiker, die „Bar Rouge“ direkt am Bund, mit einer traumhaften Dachterrasse, von der aus man die Skyline Shanghais bewundern kann – die Möglichkeiten sind endlos. Und die Partys sind der beste Weg, mit Locals in Kontakt zu kommen und in den nächsten Tagen vielleicht wieder neue Orte in dieser riesigen Stadt gezeigt zu bekommen. Eine Stadt, die man nie in ihrer Gänze erfassen können wird und in der einem als Besucher viel verborgen bleiben wird. Doch auch eine Stadt, die begeistert, die überwältigt, und die einen auch nach der Heimkehr nie wieder ganz loslässt. Eine uneingeschränkte Empfehlung somit für jeden, der sein Studium auch dafür nutzen möchte, ein neues Land, neue Leute und eine neue Kultur kennen und verstehen zu lernen.