Veröffentlicht am 10.02.2020

Jura studieren in Norwegen

Vorbereitung

In der Regel beginnt das Abenteuer bereits etwa ein Jahr vor dem geplanten Auslandsaufenthalt. Hat man sich ausreichend Gedanken über mögliche Ziele gemacht, sich intensiv mit Land und Leuten beschäftigt und schließlich ein oder mehrere Wunschorte festgelegt, beginnt das eigentliche Bewerbungsverfahren. Abgesehen von einem obligatorischen Motivationsschreiben ist diese Phase noch recht unspektakulär, dennoch solltet Ihr darauf achten, alle relevanten Unterlagen sorgfältig aufzubewahren und notwendige Nachweise, etwa von der Krankenkasse, frühzeitig einzuholen.
Hab Ihr dann rund ein halbes Jahr später die heißersehnte Zusage für Euer Wunschziel, könnt Ihr mit den konkreten Vorbereitungen beginnen. U.a. zählen hierzu neben der Teilnahme an Infoveranstaltungen (unbedingt besuchen, um alles Wichtige mitzubekommen), der Abschluss einer passenden Auslandskrankenversicherung oder auch die Beantragung einer Kreditkarte. Des Weiteren solltet Ihr Euch so bald als möglich mit der Planung der Anreise befassen, da gerade Flüge zu einem frühen Zeitpunkt noch recht günstig zu ergattern sind. Zudem kann es nicht schaden, sich einen entsprechenden Reiseführer oder dergleichen anzueignen.
Auch solltet Ihr unbedingt die vorgegebenen Fristen einhalten, beispielsweise bei der Einschreibung an der Gastuniversität oder der Bewerbung für das Wohnheim. Grundsätzlich gibt es dabei aber wenig falsch zu machen und bei Problemen und Fragen kann Euch oftmals auch die Gastuniversität weiterhelfen.

Hier bereits zwei erste Tipps: Da die Norweger mit Bargeld wenig anfangen bzw. dieses kaum nutzen und daher so gut wie alles mit Karte bezahlen, lohnt es sich auf jeden Fall, verschiedene Kreditkarten(-angebote) zu vergleichen. Gerade für Studenten gibt es attraktive Angebote einiger Kreditinstitute, z.B. kostenlose Kreditkarten mit weltweit kostenloser Barabhebung.
Die beiden Fluggesellschaften Norwegian und SAS haben speziell für junge Leute gute Tarife und bringen Euch preiswert nach Skandinavien (und auch nach New York, aber dazu unten mehr).

Erste Schritte

Vor der Abreise ist es ratsam, sich einen Überblick über alle wichtigen Termine zu verschaffen. So sollte man darüber im Klaren sein, dass das Semester in Norwegen anders als hierzulande bereits Mitte August anfängt, dafür jedoch nur bis Ende November geht. Die Zeitspanne zwischen Semesterende in Deutschland und -beginn in Oslo ist daher ziemlich kurz. Die Zeit bis zum nächsten Semester ist nach der Rückkehr dafür allerdings umso länger.
Ich selbst bin per Flugzeug am offiziellen Anreisetag angereist. Da der Flughafen Oslo nicht gerade für seine Größe bekannt ist und eine unkomplizierte Beschilderung vorweisen kann, fällt einem die Orientierung nicht schwer und man findet schnell den passenden Zug zur Oslo S(entralstasjon) (so heißt der Hauptbahnhof in Oslo). Die Fahrt dauert etwa eine halbe Stunde. Dort angekommen wurde man bereits von anderen Studenten empfangen, die einen dann zur Uni geleitet haben. Hier gab es Welcomepackages sowie die Zimmerkarte für das Wohnheim und den Studentenausweis abzuholen. Anschließend könnt Ihr Euch auf zu Eurer Unterkunft machen.
Zu Beginn des Semesters gab es dann die sog. „Buddy Week“ für alle neuen Studenten. In dieser fanden verschiedenen Aktivitäten, Partys und Ausflüge statt. Auch hier kann ich Euch die Teilnahme nur wärmstens empfehlen, da Ihr so am schnellsten neue Leute treffen könnt und die Stadt ein wenig kennenlernt.

Zwei Tipps: Am besten kauft Ihr euch direkt am Flughafen noch ein Monatsticket (kostete damals 410 NOK) und nehmt dann den NSB Zug nach Oslo S. Dies ist die günstigste Variante. Alternativ gibt es noch den Flytoget, der zwar etwas schneller, dafür teurer ist.
Da an dem offiziellen Anreisetag sehr viele Studenten ankommen, solltet Ihr etwas Geduld mitbringen und frühzeitig anreisen. Alternativ könnt Ihr auch einfach ein paar Tage früher anreisen. Zwar müsst Ihr dann selber zur Uni kommen, habt dafür aber auch freie Zimmerwahl bei Eurer Unterkunft.

Unterkunft & Wohnen

Da das Osloer Studentenwerk allen internationalen Studenten einen Wohnheimplatz garantiert, habt Ihr Euch bereits viel Arbeit und Zeit erspart. Nicht selten entpuppt sich die Unterkunftssuche im Ausland nämlich als ein erstes ernstes Hindernis. Ich selber habe mich im Voraus in den Studentenwohnheimen Kringsjå und Sogn beworben. Zwar gab es noch einige weitere Wohnheime, jedoch waren diese am günstigsten und dort wohnten auch die meisten internationalen Studenten. Kringsjå ist etwas größer und liegt etwas weiter außerhalb als Sogn, dafür jedoch direkt am wunderschönen See Sognsvann, der im Sommer zum Grillen wie Baden einlädt und sich bestens als Laufstrecke zum Joggen eignet. Sogn hingegen liegt zentrumsnaher.
Meiner Meinung nach ist das ehemalige olympische Dorf Sogn trotzdem um einiges schöner als Kringsjå, da hier mehr Grünflächen vorhanden sind und die Backsteinreihenhäuser doch netter aussehen als der Brutalismus in Kringsjå.

Die meisten Wohnungen in Sogn sind 4er oder 6er-WGs. Zu meiner kann ich sagen, dass ich mit meinen Mitbewohnern echt Glück hatte und vor allem die Küche ziemlich gut ausgestattet war, sodass wir kaum mehr Sachen hinzukaufen mussten. Einige Freunde hatten hier durchaus Pech. Mein Zimmer hingegen war bis auf ein Schreibtisch, ein Bett, ein Schrank und ein Regal komplett leer, auch ohne Bettdecke, Kissen, Bezüge oder Vorhang. Dies solltet Ihr bei Eurer Planung mitberücksichtigen oder ein Gang zu IKEA wird unausweichlich.

Tipp: Es gibt zahlreiche Facebook-Gruppen in denen ehemalige Studenten ihre alten Sachen günstig abgeben. Zudem kann sich ein Blick auf dem Dachboden durchaus als Glücksgriff herausstellen. Nicht zuletzt solltet Ihr ein LAN-Kabel oder gleich einen Router einpacken, da es jedenfalls zu meiner Zeit kein WLAN in den WGs gab.

Uni & Semester

Der Hauptcampus liegt in Blindern, wo so gut wie alle Fakultäten, die Hauptbibliothek, das Studentenwerk und andere wichtige Einrichtungen zu finden sind. Dort gibt es auch eine Mensa, einen Supermarkt sowie ein Fitnessstudio. Hier finden auch die Sprachkurse statt, die Euch wärmstens ans Herz legen kann, da Norwegisch wirklich einfach zu lernen ist und den Umgang in Norwegen doch um einiges erleichtert, vor allem im Supermarkt.
Einzig die Juristische Fakultät bildet eine Ausnahme und liegt außerhalb des Campus – und zwar direkt in der Innenstadt am Nationaltheater. Sie befindet sich in einem opulenten Altbau, in dem Ihr Euch bei Vorlesungen ein wenig wie in einer anderen Zeit fühlt.
Die Kurse, die ich belegt habe, waren inhaltlich kaum mit denen in Deutschland vergleichbar, sodass mir leider kein Kurs angerechnet werden konnte (dies ist jedoch grundsätzlich von der Kurswahl und der Heimatuni abhängig). Jedoch könnt Ihr allemal Eure Sprachfertigkeiten verbessern, da alle Dozenten sehr gutes Englisch sprechen.
Etwas ungewohnt für uns war dann am Ende des Semesters die Klausurenphase. Alle Tests wurden nämlich komplett am PC geschrieben. Zudem betrug die Bearbeitungszeit pro Klausur vier Stunden, sodass man im Gegensatz zu den heimischen Juraklausuren keineswegs in Zeitnot geriet.

Leben in Oslo

Spätestens bei Eurem ersten Gang in den Supermarkt wird Euch auffallen, dass Norwegen teuer ist. Für so gut wie alle alltäglichen Dinge und Dienstleistungen müsst Ihr im hohen Norden tiefer in die Tasche greifen. So zahlt man für eine Kinovorstellung um die 15 € oder im Restaurant auch schnell auch mal 20-30 € für vermeintlich einfache Gerichte. Und auch das Sixpack Bier kostet im Supermarkt rund 15 €.
Lasst Euch jedoch keineswegs von den Preisen abschrecken. Zum einen hat Norwegen so viel mehr zu bieten und zum anderen gibt es die eine oder andere Sparmöglichkeit. Dennoch solltet Ihr bei Eurer Planung die norwegischen Lebenshaltungskosten berücksichtigen.

Speziell im Sommer bietet Oslo eine Vielzahl an Aktivitäten. Da man die Sehenswürdigkeiten der Stadt relativ schnell angeschaut hat (Oslo ist nicht riesig), lohnt sich eine Fahrt mit der Fähre auf eine der kleinen Inseln im Oslofjord. Auch ein Gang zum Sognsvann ist durchaus lohnenswert. Auf jeden Fall solltet Ihr den Sommer ausgiebig nutzen. Denn ab Oktober sinken die Temperaturen und auch die Sonne geht dann bereits um 16 Uhr unter. Zwar gibt es auch in Oslo zahlreiche Indoormöglichkeiten, jedoch sind diese wie ungefähr alles in Norwegen: teuer.
Und so verbringen viele Einheimische ihre Freizeit gerne mit Sport. Hierzu lädt neben den Bade- und Wandermöglichkeiten im Sommer der Winter zum Schlittschuh- oder Langlaufen sowie zum Skifahren ein. Zudem gibt es wetterunabhängig die Möglichkeit einer Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio (für Studenten sehr günstig) oder man tritt einem der zahlreichen Uni-Sportteams bei.
Zudem gehen gerade junge Norweger ebenso wie die meisten Erasmusstudenten gerne feiern. Daher sei hierzu auf einige Besonderheiten hingewiesen. Etwa kommt man in Oslo vor allem am Wochenende erst ab 23 Jahren in viele Clubs und feiern bis in die frühen Morgenstunden ist in Norwegen nicht, da die Clubs bereits um 3 Uhr nachts wieder schließen. Zudem sind Getränke im Club – welch eine Überraschung – sehr teuer (0,5 l Bier kostet 10 €).

Tipps: Wer nicht auf die eine oder andere Fete verzichten kann, findet mit den zahlreichen Wohnheimpartys günstige Feiergelegenheiten oder lässt sich gleich den Alkohol von Freunden und Besuchern aus Deutschland einfliegen (Zollgrenzen dabei beachten).
Preiswerte Supermärkte sind Rema1000 und Kiwi, die in Sogn bzw. Kringsjå zu finden sind.

Reisen & Wetter

Normalerweise habt ihr besonders zu Beginn des Semesters viel Zeit, die ihr zum Reisen benutzen könnt. Wer hier seine Kurse geschickt legt, kann mit einigen freien Tagen in der Woche auch viel anstellen. Zudem gibt es sogar Herbstferien. Etwas überraschend ist dabei, dass das Reisen innerhalb Norwegens im Gegensatz zu allem anderen wirklich nicht teuer ist, egal ob mit dem Zug (bei NSB gibt es „Minipris“ Tickets) oder mit dem Flugzeug („Norwegian“). Als mögliche Reiseziele gibt es innerhalb Norwegens ein paar nette Städte wie Bergen oder Stavanger, die in Kombination mit passenden Wandertouren (in Bergen zu „Trolltunga“ oder „Kjerag“ oder in Stavanger zum „Preikestolen“) zu Wochenendausflügen einladen. Ansonsten lohnt sich vor allem im September oder Oktober eine Reise nach Tromsø, um Polarlichter zu sehen. Außerhalb Norwegens solltet ihr auf jeden Fall nach Stockholm und Kopenhagen reisen. Ansonsten sind Island und Ziele im Baltikum noch günstig zu erreichen. Wem das nicht weit genug ist, kann sich gerne auf der norwegischen Webseite von Norwegian etwas umsehen. Auf diese Weise sind ein paar Freunde auf günstige Flüge von Oslo nach New York gestoßen und so haben wir Anfang Dezember noch eine Woche in Amerika verbracht.
Das Wetter in Oslo kann durchaus mit dem in Deutschland verglichen werden. Zwar werden hier kaum 30°C erreicht, aber im August und Anfang September kann man dennoch sehr gut baden gehen. Ab Oktober wird es zwar schnell kälter, jedoch hatte der Herbst durchaus auch schöne Seiten. Ihr solltet trotzdem eure Gummistiefel nicht daheim lassen. Ab dieser Zeit bekommt man die nördliche Lage Oslos schnell zu spüren, vor allem was die Sonnenstunden anbelangt. Habt Ihr dann einen langen Uni Tag, kann es vorkommen, dass Ihr bei Dunkelheit am Morgen das Haus verlasst und bei Dunkelheit am späten Nachmittag wieder heimkommt. Anfangs können 6 bis 7 Stunden Helligkeit am Tag echt deprimierend sein, jedoch gewöhnt man sich recht schnell daran.
Der wirkliche Winter mit Unmengen an Schnee beginnt zum Leid aller Wintersportler in Norwegen dagegen erst meist erst im Januar, sodass Ihr Euch diesen in der Regel erspart.

Fazit

Ich selbst habe keine Minute meines Auslandssemester bereut und kann jedem nur empfehlen nach Oslo zu kommen. Als skandinavische Großstadt bietet es alles was das Studentenherz begehrt und als Dreh- und Angelpunkt von Bus-, Bahn- und Fluggesellschaften könnt ihr jeden Punkt Skandinaviens gut erreichen. Zudem ist die Lebensweise der Norweger einfach entspannt und viel näher an den einzigartigen Anblick von Polarlichtern werden Ihr so schnell wohl nicht mehr kommen.



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