Veröffentlicht am 21.01.2020

Jura studieren in Italien - Mein Auslandssemester in Neapel

Die Überlegung ein Erasmusjahr einzulegen stand für mich schon im Raum, bevor ich mit dem Studium überhaupt anfing. Begeistert von einem Auslandsjahr während der Schulzeit, wollte ich gerne wieder in eine andere Kultur eintauchen, die Landessprache lernen und einen Alltag mit Einheimischen teilen. Dazu kam, dass das Erasmusprogramm eine dermaßen große Hilfestellung in administrativen und auch finanziellen Angelegenheiten bietet, dass es einfach nur Sinn macht, dieses großartige Angebot der EU zu nutzen.


Etwas im Freiburger Alltag eingefahren und mit dem Gefühl, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, überlegte ich dann, worauf es für mich in zwei Auslandssemestern ankommen würde. Im Vordergrund meiner Überlegungen standen das Erlernen einer neuen Sprache und ein kulturelles Kontrastprogramm zu unserem wunderschönen, a
ber doch recht beschaulichen Freiburg. Als ich dann bei Cappuccino und Cornetto im Urlaub in Venedig saß, war die Entscheidung gefällt. Ich wollte gerne die wunderschöne Italienische Sprache lernen und in das Land des Cafè, der Herzlichkeit und der Pizza & Pasta eintauchen. Neapel schien mir dann ein Mysterium und Faszination zugleich.. ich hörte entweder nur Gutes oder nur Schlechtes über die tausende von Jahren alte Stadt. Was mir aber jeder Neapelkenner bestätigte; die Stadt ist eine eigene Welt, die nach eigenen Regeln lebt. Und auch die Neapolitaner sagen; Neapel hat weder mit Europa, noch Italien etwas zu tun; Neapel ist einfach nur Neapel.

Wenn du als Erasmusinteressierte/r ein hübsches, sicheres und beschauliches Städtchen suchst, empfehle ich dir Städte wie Padua, Florenz und Pisa unter die Lupe zu nehmen. Wenn du aber Lust auf Chaos, Temperament, Abenteuer und ursprünglichste italienische Kultur hast und dich nicht von heruntergekommenen Häusern und etwas vernachlässigten Straßenzügen abschrecken lässt, kann ich dir diese wunderschöne Stadt nur ans Herz legen.

Generell machte es Sinn so viel Italienisch wie möglich vor Semesterbeginn im Ausland zu lernen. Da in Neapel kaum jemand Englisch spricht (auch nicht die Erasmuskoordinatorin der juristischen Fakultät), erleichtert man sich unfassbar viel wenn man halbwegs anständig sprechen kann. Auch bereits anfängliche Freundschaften mit Neapolitanern,
welche die Form des Aufenthaltes prägen werden, sind fast nur mit Italienischkenntnissen möglich. Da ich noch nie Italienisch gelernt hatte, belegte ich vor dem Ausland zwei Sprachkurse, vor Ort dann zunächst einen Intensivsprachkurs und während der Semester weitere Kurse.

Mit der Wohnungssuche begann ich erst vor Ort, zunächst nahm ich mir für vier Tage ein Hostelbett. Zum Glück herrscht in Neapel kein Wohnungsmangel. Zwischen 280€ und 350€ findet man ein anständiges Zimmer. Wem bauliche Mängel und sehr alte Rohre nichts ausmachen, kann auch billigere Zimmer mieten.
Letztendlich habe ich mein erstes Zimmer über die Organisation Erasmuspoint gefunden. Die Wohnung war sehr schön und preislich auch im Rahmen. Nach dem ersten Semester bin ich dann umgezogen, um auch mal mit Italienern zusammenzuwohnen. Grundsätzlich tut es den Sprachkenntnissen natürlich gut, mit Italienern und nicht mit Erasm
usstudierenden zu leben. Ich kenne auch einige, bei denen starke Freundschaften aus den Wohngemeinschaften entstanden sind. Die Lebenserhaltungskosten in Neapel sind deutlich geringer als in Freiburg. Wohnen, Lebensmittel, Restaurants und Bars sind günstiger. Nur Milchprodukte und Drogerieartikel kosten deutlich mehr. Allgemein gestaltet sich das Leben eines Erasmusstudenten aber meistens so, dass er so viel ausgeht und Ausflüge macht, dass man im Endeffekt doch einiges Geld ausgibt.

Die Università degli Studi di Napoli Federico II ist eine alterhabene Universität im Herzen der Stadt. Vorlesungsbeginn war irgendwann Anfang September und das Studium in Neapel gestaltet sich eigentlich als recht angenehm. Vorlesungen sind nur Montags, Dienstags und Mittwochs und Anwesenheitspflicht besteht nirgendwo. Das sollte man aber keinesfalls als Anlass nehmen nicht in die Uni zu gehen. Abgesehen von der Sprachverbesserung und dem Erlernen der italienischen Rechtsmaterie, sollte der Professor auch in der Vorlesung schon auf einen aufmerksam geworden sein, da die Prüfungen allesamt mündlich bei den Professoren stattfinden. An der Universität ging es ansonsten sehr nett aber vor allem auch etwas unorganisiert zu. Während der Erasmuskoordinator der Universität sowohl Englisch als auch Deutsch sprach, konnte man sich mit der Fachkoordinatorin für Rechtswissenschaften nur auf Italienisch verständigen, was gerade zu Beginn des Aufenthaltes zu Schwierigkeiten führen kann.


Im ersten Semester wurden in meiner Zeit ausschließlich Kurse auf Italienisch angeboten. Besonders gut war es, auch Kurse abseits der typischen Erasmusvorlesungen zu besuchen. So habe ich meine beste italienische Freundin am allerersten Unitag in der Römischen Rechtsgeschichte - Vorlesung kennengelernt. Meine Fächer waren: Internationales Recht, Verfassungsrecht und römische Rechtsgeschichte. Die Qualität der Vorlesungen variierte teils stark, manche Professoren waren sehr nett andere sehr streng.

Im zweiten
Semester wurden auch kleinere Kurse auf Englisch mit z.T. Powerpoint Präsentationen gehalten. Diese fand ich allesamt sehr gut, da die Professoren sehr engagiert sind und man in den Vorlesungen mitarbeiten kann. Meine Kurse hier waren: International Protection of Human Rights, International Trade Law, Material law of the European, History of criminal law, History of modern and contemporary law.
Schlussendlich waren viele von den mündlichen Prüfungen (gerade im ersten Semester) etwas eingeschüchtert. Die Professoren sind größtenteils aber sehr verständnisvoll und nehmen Rücksicht auf die Sprachschwierigkeiten.


Neapel platzt vor Kultur. Es gibt dermaßen viele Kirchen, historische Gebäude, und Denkmäler, dass die Stadt gar nicht alle erhalten kann. Aber auch Streetart, Ausstellungen und kostenlose Konzerte auf irgendwelchen Piazzen gibt es besonders im Sommer zuhauf. Architektur-, Kunst- und Geschichtsliebhaber kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten. Ich kann nur empfehlen sich zu Fuß durch die Stadt treiben zu lassen.
Die Ausgehkultur ist in Italien etwas anders als in Deutschland. Gerade im Sommer trifft man sich bei milden Abenden mit F
reunden auf den Piazzen (hauptsächlich Piazza Bellini, San Domenico und Orientale), wo man Bier ab 1€ kaufen kann und lernt sehr schnell neue Leute kennen. Sucht man Clubs, muss man sich etwas außerhalb von Neapel umschauen. In Bagnoli nördlich von Neapel gibt es einige Strandclubs. Für Technoliebhaber kann ich den Old River Club in der Nähe von Caserta empfehlen, es ist allerdings immer etwas schwierig dorthin zu kommen.

Aber auch abseits des hektischen Centro Storico und den umliegenden Stadtteilen gibt es einiges zu sehen. Die Meerespromenade (Lungomare) mit Blick auf Vesuv lädt zum Joggen und Spazieren ein. Die schickeren Viertel Chiaia und Vomero locken mit Designerläden und extravaganteren Bars.

Neben der Innenstadt ist auch die Pizza als UNESCO Weltkulturerbe erklärt worden. Ich möchte gar nicht ausschweifend werden, das gesamte Neapolitanische Essen ist ein Traum. Ob Pizza, Pasta, Ragù oder Cafè.
Sport ist nicht gerade eine Leidenschaft der meisten Italiener, dementsprechend liegt der Unisport sehr weit außerhalb. Leider gibt
es in Neapel wenig Grün und nach spätestens ein paar Wochen brauchte ich immer Pause von dem ganzen Großstadttrubel. Das ist aber ganz gut so, da die Umgebung wahnsinnig viel zu bieten hat. Tagesausflüge sind auf die Inseln Capri, Ischia und Procida möglich. Man kann hoch auf den Vesuv fahren oder wandern oder sich die römischen Stätten von Pompei und Herculaneum angucken. Auch die bekannte Amalfiküste mit der Stadt Amalfi und Positano sind nicht weit. Hat man mal ein paar Tage Zeit, sollte man unbedingt die Küste runter in den Süden fahren. Besonders Sizilien ist einen Urlaub wert!

Auf ein wenig Kriminalität muss man sich leider gefasst machen, aber auch nicht allzu viel sorgen. Ich persönlich wurde nie ausgeraubt, mir wurde lediglich mal ein Handy aus der Jackentasche gestohlen. Ich kenne allerdings einige Erasmusstudenten, die überfallen wurden, wenige ganz Unglückliche sogar mehrmals. Zu Handgreiflichkeiten ist es aber nie gekommen!


Rückblickend war Neapel für mich eine unglaubliche Zeit, mit unvergesslichen Eindrücken und Begegnungen. Und obwohl ich vorher schon die ein oder andere Ecke der Welt gesehen habe, hat Neapel meinen Horizont erweitert und mich einiges gelehrt. Auch wie man piano lebt (La dolce far niente = Die Süße im Nichtstun), sich um nichts Sorgen zu machen braucht (Non ti preoccupare!) und einmal mehr wie sehr es sich lohnt, sich aus seiner Komfortzone heraus zu bewegen und über den berühmt berüchtigten Tellerrand zu blicken.





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