Veröffentlicht am 11.12.2018

Generation Y: Wir sind die Neuen!

„Wir werden nie mit Schlips und Anzug am Schreibtisch sitzen und unser Leben lang wie ihr das Gleiche machen.“ Diesen Satz hat sich Dr. Burkard Göpfert gemerkt, seit er ihn vor einigen Jahren von einem 18-jährigen YouTube-Star gehört hat. Da stand sie vor ihm, die personifizierte Generation Y und kündigte die große Kulturrevolution an.

Die Generation Y, also die zwischen 1980 und 1995 Geborenen, ist seit einigen Jahren das Thema in Personal- und Führungsetagen – und macht auch vor Kanzleitüren keinen Halt. So viel ist klar: Die althergebrachte Kanzleiwelt muss sich verändern, wenn sie Bewerber für sich begeistern will.

Einstiegsgehälter von bis zu 110.000 Euro akzeptierten viele lange als Schmerzensgeld für Wochenarbeitszeiten zwischen 55 und 65 Stunden. Doch laut einer aktuellen Umfrage von Legal Tribune Online stellen sich nur 9 Prozent der befragten Jungjuristen ein Anfangssalär von 100.000 Euro oder mehr vor. 40 Prozent dagegen legen Wert auf eine gesunde Work-Life-Balance. In der azur-Liste 2016 klagen junge Associates vor allem über zwingende 24-stündige Erreichbarkeit und zu hohe Arbeitsbelastung.

Dr. Sina Pfister hat sich für einen anderen Weg entschieden

Vor der Frage, was ihr wichtig ist im Leben, stand auch Sina Pfister. Drei Jahre Großkanzlei hatte die Anwältin hinter sich. „Ich wollte gerne mehr Zeit für mich“, erzählt Pfister. Nach langen Tagen fehlte ihr immer öfter die Energie für ihre Hobbies.

Seit ihrem Wechsel zu Baker & McKenzie im September 2015 ist Sina Pfister nun eine der Pioniere auf dem „Associate Alternative Track“. Den hat die Kanzlei vor anderthalb Jahren eingeführt, eine von vielen Reaktionen auf die veränderten Ansprüche. Wie Pfister wollen viele Bewerber eine Mischung aus Work-Life-Balance und attraktivem Arbeitsumfeld. Und: Nicht jeder will Partner werden. Wer sich auf dem Alternative Track befindet, verzichtet auf einen Teil des Gehalts und die Partnerstellung, geht aber auch deutlich früher nach Hause. Und wenn Sina Pfister und die Kanzlei wollen, kann sie jederzeit zurück auf den Partner Track wechseln.

Sina Pfisters Mentor bei diesem ungewöhnlichen Modell ist Burkard Göpfert. Er ist, wenn man so will, noch von der alten Garde. Einer, der auch am Karfreitag um 17 Uhr noch eine Telefonkonferenz macht. Einer, der sagt: „Der Mandant kommt immer als erstes, egal, wann er anruft.“ Seit zweieinhalb Jahren ist Göpfert bei Baker & McKenzie, davor war er langjähriger Partner in einer anderen Großkanzlei. Göpfert hat sich durchgebissen und „Opfer gebracht“, wie er selbst sagt.

Sina Pfister verlässt jetzt um sieben Uhr das Münchner Bürogebäude. Die Mandatsstruktur der Arbeitsrechtlerin hat sich zwar gewandelt. Sie ist häufiger bei Gericht und weniger in Transaktionsgeschäfte eingebunden. Das Arbeitsumfeld aber ist spannend geblieben.

Die Neuen fordern mehr ein

Den Sinneswandel beobachtet Claudia Trillig, die die Personalabteilung von Baker & McKenzie leitet, täglich. „Ich erlebe Bewerber, die ganz offen sagen, dass ihnen private Aktivitäten wichtig sind und sie nicht sieben Tage die Woche erreichbar sein wollen.“ Zwar unternehmen die meisten größeren Kanzleien schon viel, um die neue Anwaltsgeneration anzuziehen: 50 statt 25 Urlaubstage, dreimonatige Sabbaticals oder Home-Office. Doch die Neuen fragen genau nach, wie Work-Life-Balance im praktischen Arbeitsalltag aussieht. Das „Y“ in Generation Y steht für das englische „why“ – die Neuen sind die, die alles hinterfragen, forsch und fordernd zugleich.

Damit der Alternative Track kein schöner Traum von Work-Life-Balance bleibt, lernen Sina Pfister und ihr Mentor Burkard Göpfert jeden Tag aufs Neue voneinander. So unterschiedlich die Lebensentwürfe der beiden auch sind, sie müssen sich aufeinander einstellen. Beide müssen lernen, Grenzen zu setzen und Überbelastung offen anzusprechen. „Es braucht Mut, zu sagen, ich gehe jetzt“, erklärt Pfister.

Wenn die Neuen wie Sina Pfister in die Kanzleien kommen, wirbelt das ordentlich Aktenstaub auf. „Wir beobachten da schon einen Generationenkonflikt“, gibt Claudia Trillig zu. Dementsprechend schult die Personalerin die Partner, wie sie mit der neuen Generation umgehen sollen. Durch die Generation Y sei der Anspruch an Führungskräfte gestiegen – eine Herausforderung für so manchen.

Doch diese Differenzen müssen nicht nur negativ sein. Ja, die Kanzleiwelt wird und muss sich für die Neuen ändern. Vielleicht liegt für Anwälte und Kanzleien aber genau dort auch die große Chance. Was die alte Garde der Partner an Erfahrungsschatz, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen mitbringt, machen die Neuen an Gelassenheit und Experimentierfreude wett. Das Beste aus beiden Welten sozusagen.

Auch wenn Baker & McKenzie einen Schritt auf die Generation Y zugegangen ist, macht die Kanzlei kein großes Marketing für den Alternative Track. Der Partner Track sei nach wie vor das Hauptziel für die Associates, erklärt Claudia Trillig. Burkard Göpfert kann sich vorstellen, dass der Alternative Track das „Modell der Zukunft“ ist: „Wenn alle ihre Arbeitszeiten so individuell wie möglich gestalten können, sind die Kollegen glücklicher und unterstützen sich besser.“ Und das auch über die Generationen hinweg.



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