Veröffentlicht am 27.02.2019

Die Asylrechts-Durchstarterin

Franziska, wie ist dir die Idee zum Projekt „Start with a friend“ gekommen?

Anfang 2013 habe ich den ersten Geflüchteten eins zu eins kennen gelernt und mir ist schnell aufgefallen, wie sehr beide Seiten von diesem direkten Kontakt profitieren. Das ist jemand, der steht mitten im Leben und dem muss ich nicht in dem Sinne „helfen“. Ich kann niemanden darauf reduzieren, dass er der Hilfsempfänger ist. Ich habe mich dann oft mit dem Geflüchteten getroffen und wir konnten sogar eine Wohnung für ihn finden. Wenn man sich intensiv für einen einzelne Person einsetzt, kann man viel mehr erreichen. Das war meine Erkenntnis aus dieser ersten Begegnung.

Und diese Erfahrung wolltest du auch anderen mit auf den Weg geben?

Ja. Mit einigen Freunden habe ich unsere Initiative gestartet. Wir haben das Projekt bei etablierten Institutionen in der Flüchtlingshilfe vorgestellt und die haben uns glücklicherweise gleich unterstützt. Unser Team bündelt viele verschiedene Kompetenzen. So können wir mit unserem Projekt viele Menschen erreichen. Mittlerweile gibt es uns bundesweit und wir sind dabei noch mehr Standorte aufzubauen.

In eurem Team sind auch mehrere Juristen – Zufall?

Für uns ist das ein extremer Mehrwert. weil es unser Projekt inhaltlich stärkt. Die Verwaltungsregeln rund um Geflüchtete sind unglaublich kompliziert. Im Moment ändert sich alles rasant, allein die beiden letzten zwei Asylpakete haben viele Neuerungen gebracht. Da ist es hilfreich, wenn wir als Juristen Fragen beantworten können. Außerdem gibt es bei mittlerweile sieben hauptamtlichen Mitarbeitern eine ganze Menge Juristisches zu tun wie z.B. Arbeitsverträge machen – da kann ich mein Jurastudium gut gebrauchen.

Ihr bietet auf eurer Homepage auch einen Asylleitfaden für Interessierte an.

Ja, der ist mittlerweile schon auf über hundert Seiten angewachsen. Vor zwei Jahren, zu Beginn meines Referendariats, habe ich mich in das Asylrecht eingelesen. Da kam mir die Idee, das Ganze möglichst verständlich für Nicht-Juristen aufzuschreiben. Es braucht keine Asylrechtsexperten für eine Eins-zu-Eins-Begleitung. Man muss nur den Zugang für die Menschen vereinfachen und Hürden abbauen.

Wie funktionieren die Tandems zwischen Locals und Geflüchteten?

Sowohl die Locals als auch die Geflüchteten melden sich über unsere Website an. Unsere interkulturellen Vermittler treffen beide Seiten persönlich und verbinden sie zu einem Tandem – basierend auf Interessen und Bedarfen. Daneben bieten wir Supervisionen, interkulturelle Coachings und gemeinsame Events für die Tandems an. Wir gehen zusammen in die Oper oder zum Basketball, was einfach viel Spaß bringt. Für fachliche Fragen oder Herausforderungen im Tandem sind wir dann natürlich auch der Ansprechpartner.

Die Flüchtlinge können erste Kontakte in Deutschland knüpfen, die deutsche Kultur und Sprache kennen lernen. Was nehmen die Locals aus den Tandems mit?

Viele unserer Locals hatten vorab noch keinen Kontakt zu Geflüchteten und wissen nicht genau was sie erwarten sollen. Die Locals merken schnell, dass es sich bei uns nicht um ein klassisches Hilfsprojekt handelt. Es geht vielmehr darum den Geflüchteten ihr Selbstwertgefühl wiederzugeben. Man fängt an, den Menschen hinter der Fluchtgeschichte zu sehen. Ich finde, durch die Tandems denkt man sehr viel über Deutschland und unsere Gesellschaft nach. Und natürlich ist es unser Ziel, nicht nur einzelne Zweier-Beziehungen zu schaffen, sondern einen großen Freundeskreis. Bei Stammtischtreffen können sich die Tandems untereinander kennenlernen und austauschen.

Das klingt für dich als Projektkoordinatorin nach viel Arbeit. Wie hast du das neben Studium und Referendariat geschafft?

(Lacht) Das weiß ich auch nicht so genau, viele Nachtschichten auf jeden Fall. Ich glaube, wenn man sein eigenes Projekt macht, entwickelt man nochmal eine ganz andere Energie. Klar man steckt privat ein bisschen zurück, aber gleichzeitig bereichert mich diese Arbeit auch sehr.

Und das Asylrecht hat dich auch im Referendariat immer wieder begleitet.

Meine Anwaltsstation habe ich bei einer Anwältin für Asylrecht gemacht, die Verwaltungsstation beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und meine Wahlstation dann beim Berliner Büro des UNHCR. Früher wollte ich eher Richtung Politik gehen – das kann ich mir immer noch sehr gut vorstellen. Jetzt im Nachhinein ist es ganz praktisch zwei Staatsexamen zu haben. Im Moment ist man sehr gefragt, wenn man sich auf Asylrecht spezialisiert hat.

Was gefällt dir an dem Rechtsgebiet?

Es ist eine Mischung aus nationalem Recht und internationaler Politik. Ich sehe mich nicht als klassische Anwältin. Da kämpft man sehr viel für den Einzelfall. Das kann sicher auch bereichernd sein, aber mir macht es mehr Spaß im großen Ganzen rumzuwirbeln.

Wie wird es mit „Start with a friend“ und dir weitergehen?

Wir haben vor vier Monaten eine Förderung von Bundesministerin Manuela Schwesig bekommen. Jetzt können wir „Start with a Friend“ hauptamtlich betreiben. Mit dem Geld wollen wir unsere Vermittler noch besser qualifizieren und die bundesweiten Ortsgruppen stärken. Für mich ist es das größte Privileg, dass ich in einem Gebiet arbeite, das mir Spaß macht, mit Leuten, die ich mag, und noch dazu mein eigener Chef bin.

Vielen Dank für das Interview!



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