„Corporate and Commercial Law“ an der LSE - Ein Interview mit clavisto LL.M.-Stipendiat Felix Fernholz

1. Felix, was waren Deine Hauptgründe für ein spezialisiertes LL.M.-Studium im Bereich „Corporate and Commercial Law“?


In erster Linie ging es mir darum, im Anschluss an das Studium von dem erworbenen Wissen profitieren zu können. Daher richtete ich meinen Studienschwerpunkt danach aus, wo ich später beruflich tätig sein möchte. Bereits während meines universitären Schwerpunktbereichsstudiums habe ich ein großes Interesse für das Gesellschaftsinsolvenzrecht entwickelt. Insbesondere die vielfältigen Interessenkonflikte, die in Einklang gebracht werden müssen, haben mich von Beginn an fasziniert. Die Zeit zwischen dem ersten Staatsexamen und dem Beginn des LL.M.-Studiums habe ich dann genutzt, um im Rahmen einer wissenschaftlichen Mitarbeit einen Einblick in die praktische Arbeit im Gesellschaftsinsolvenzrecht zu gewinnen. Nachdem auch diese mir großen Spaß bereitete, stand für mich fest, dass ich meine persönliche Zukunft dort sehe.
Die Spezialisierung "Corporate and Commercial Law" wurde diesem Wunsch gerecht und nach einem halben Jahr kann ich sagen, dass ich mit dieser Wahl im Hinblick auf meine persönlichen Interessen keinen Fehler gemacht habe. Dabei habe ich Kurse zum Gesellschaftsinsolvenzrecht um solche aus den Bereichen Corporate und Finance ergänzt. Module wie Corporate Governance gefallen mir, weil sie dem Insolvenrecht ähneln. Hier wie dort geht es um den Ausgleich der Interessen der Stakeholder eines Unternehmens, auch wenn spezifische Regelungen, die im Zeitpunkt der Krise eines Unternehmens ansetzen, natürlich unter veränderten Vorzeichen zu betrachten sind. Hinzu kommt, dass das Insolvenzrecht als Querschnittsmaterie zahlreiche rechtliche Verflechtungen mit dem Gesellschaftsrecht aufweist. Letztlich ist ein fundiertes Verständnis unterschiedlicher Möglichkeiten der Finanzierung von Unternehmen sowie verschiedener Finanzinstrumente ebenfalls essentiell, um eine sachgerechte Einordnung der Rechte der Betroffenen vornehmen zu können und im Rahmen der finanziellen Restrukturierungsberatung tätig zu sein.
All diese Gründe bewegten mich letztendlich dazu, ein spezialisiertes Studium einem breit aufgestellten generellen LL.M.-Programms vorzuziehen, auch wenn Letzteres sicherlich seine ganz eigenen Vorteile aufweist.

2. Warum hast Du Dich genau für die London School of Economics and Political Science entschieden?


Wie bereits gesagt, war es mir wichtig, im Nachhinein von dem Studium auch in fachlicher Hinsicht profitieren zu können. Wäre die Ausbildung hier vergleichbar mit der Juristenausbildung in Deutschland, wo das Lösen von Fällen mit Hilfe der Gesetzesauslegung in den Vordergrund gerückt wird, hätte dieser Wunsch sich wohl kaum realisieren lassen. Detailwissen im englischen Gesellschafts- bzw. Insolvenzrecht dürfte für die berufliche Tätigkeit schließlich im Allgemeinen eine eher untergeordnete Rolle spielen.
Allerdings zeigt sich genau diesbezüglich der große Unterschied im Lehrsystem. So ist das universitäre Motto "rerum cognoscere causas" (zu Deutsch "die Ursachen der Dinge erkennen") nicht bloß eine Floskel, sondern in der Lehre gelebte Realität. Es geht weniger um die Lösung, welche das Gesetz auf eine rechtliche Fragestellung in einer konkreten Situation liefert, als vielmehr darum, zu abstrakten Fragestellungen unter Einbeziehung interdisziplinärer Einflüsse (insbesondere der Ökonomik) eine eigene Meinung darüber zu entwickeln, wie das Recht mögliche Konfliktsituationen lösen sollte. Dabei erfolgt dann eine sorgfältige Auseinandersetzung mit den Gründen für die verschiedenen Ansätze und ihren Zielsetzungen, welche im Ergebnis auch zu einem vertieften Verständnis der deutschen Regelungen beitragen kann. Auch die rechtsvergleichende Komponente, mit denen in den meisten Kursen rechtliche Antworten unterschiedlicher Jurisdiktionen verglichen und bewertet werden, gefällt mir sehr und kann helfen, die heimische Rechtsordung nicht für selbstverständlich zu halten, sondern stattdessen eine eigene Meinung hinsichtlich der Bewertung der jeweiligen Regelungen zu entwickeln.
Ein letzter Aspekt, der bei meiner Entscheidung eine Rolle spielte, war die Praxisnähe der Ausbildung. So abstrakt und theoretisch das Lehrsystem auch klingen mag, wird dabei nie der Blick auf die Wirklichkeit verloren. Von großem Vorteil ist es dabei, dass eine Vielzahl der Dozenten selbst als Praktiker tätig sind oder waren. Sie können daher beurteilen, welche Themen für die praktische Tätigkeit von Relevanz sind und welche eher eine untergeordnete Behandlung erfahren sollten. Stundenlange Erörterungen zu Scheinproblemen, die rechtlich noch so interessant sein mögen, praktisch aber keine große Rolle spielen, werden dadurch vermieden.
Die Aspekte führten insgesamt dazu, dass die LSE mir fachlich all das bieten konnte, was ich mir von meinem Auslandsstudium versprochen habe. Und um ehrlich zu sein: Die Chance, ein Jahr in einer Stadt wie London zu leben, hat natürlich ebenfalls eine gewisse Rolle gespielt.

3. Was ist überhaupt das Beste an London?


Schwierige Frage. Vor allem, weil man jeden Tag Neues entdecken kann und es nach wie vor viele Dinge gibt, die ich noch gar nicht gesehen habe.
Dennoch würde ich sagen, dass es gerade die Vielfalt ist, die London besonders und einzigartig macht. So sind Tradition und Geschichte zwar allgegenwärtig, wenn man an die vielen Sehenswürdigkeiten im Zentrum der Stadt denkt. Allerdings leben trotz dieser Besinnung auf Tradition Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen in London und machen einen großen Teil der Bevölkerung aus. Jede dieser kulturellen Gruppen prägt dabei die Stadt auf ihre eigene Art und Weise. Nicht umsonst sind klassisch indische Gerichte mittlerweile zum Teil der typischen "Londoner" Küche geworden. Es ist allgemein ein netter Nebeneffekt, dass sich die Vielfalt auch im kulinarischen Angebot niederschlägt, sodass es wohl nichts gibt, was es nicht gibt. Gerade mit Blick auf die umfangreiche Streetfood-Kultur kommt dadurch definitiv jeder auf seine Kosten.
Insgesamt lässt sich jedenfalls festhalten, dass multikulturelle Einflüsse den traditionellen Werten hier keinesfalls entgegenstehen, sondern in ihrer Gesamtheit die Stadt zu der kulturellen Metropole machen, die sie heute ist. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass man sich des Wertes dieser Vielfalt auch in Zukunft bewusst bleibt.

4. Nach den ersten Monaten bist Du voll in Deinem Studien-Alltag. Vielleicht magst Du uns einen typischen Wochentag an der LSE kurz beschreiben:


Na klar, sehr gerne! Ich versuche meistens, relativ früh in den Tag zu starten, um bei einem Kaffee aktuelle Nachrichten zu lesen, wobei ich mich zu dieser Zeit des Tages meist noch auf Sportnachrichten beschränke. Darauf folgt dann in aller Regel der akademische Teil des Alltags, der sich ziemlich stark vom deutschen System unterscheidet. So sind die Kurse konzeptionell in klassische Vorlesungen und Seminare in Kleingruppen aufgeteilt. Während Erstere sich kaum von ihrem Pendant in Deutschland unterscheiden, sollen Letztere einen Raum zur Erörterung von Problemen im aktiven Diskurs bieten. Im Durchschnitt machen diese Veranstaltungen mit den Dozenten allerdings nicht mehr als zwei Stunden des Tages aus. Der weitaus größere Teil des Studienalltags besteht aus dem Selbststudium, welches dazu dient, sich auf die Diskussionen in den Seminaren vorzubereiten, um an ihnen effektiv mitwirken zu können. Bei dieser Eigenleistung wird man aber selbstverständlich nicht völlig allein gelassen. Für jedes Fach erhält man wöchentlich eine detaillierte "reading list". Gerade am Anfang des Studiums kann dabei zwar der immense Umfang so mancher Liste überfordernd wirken, man gewinnt jedoch mit der Zeit ein Gefühl für diese Art des Studierens und den Umgang mit dem zu lesenden Stoff. In regelmäßigen Abständen bekommt man zudem die Möglichkeit (und zumindest einmal pro "term" und Fach auch die Pflicht), Essays über Streitfragen anzufertigen, um den aktuellen Leistungsstand besser einordnen zu können und auf das vorbereitet zu sein, was einen am Ende des Jahres in den Klausuren erwartet.

Trotz und gerade wegen des nicht zu unterschätzenden Lernaufwands, der hierfür notwendig ist, halte ich es für wichtig, einen Ausgleich zu schaffen. Für mich ist dieser Ausgleich der Sport, mit dem ich fast jeden Tag abschließe. Mal ist das eine Joggingrunde in den an mein Studentenwohnheim angrenzenden Wetlands, an anderen Tagen wiederum der Besuch eines Fitnessstudios. Ein- bis zweimal pro Woche stehen außerdem Spiele mit der universitären Fußballmannschaft an, welche eine willkommene Abwechslung zum Alltag in der Uni darstellen. Nicht selten kommt es indes auch vor, dass man einen langen Lerntag einfach bei einem Bier mit Kommilitonen in einem Pub ausklingen lässt und so zumindest für ein paar Stunden den Stress des Studienalltags vergessen kann, bevor dann am nächsten Morgen wieder ein anderes Fach und damit auch eine weitere "reading list" wartet.

5. Was macht für Dich den Studienalltag mit Kommillitonen aus der ganzen Welt so spannend?


Die schon dargestellte Vielfalt spiegelt sich absolut auch in der Universität wider. Ich würde schätzen, dass rund 80 % der LL.M.-Studenten an der LSE aus dem Ausland kommen. Die dargestellte von konkreten Rechtsordnungen losgelöste Erörterung des Stoffes sorgt jedoch dafür, dass dies in fachlicher Hinsicht ausschließlich Vorteile mit sich bringt. Die meisten sind in gewisser Hinsicht durch ihre heimische Rechtsordnung geprägt und können so unterschiedliche Sichtweisen und Lösungsansätze hinsichtlich sich ergebender Fragen beitragen. Diese Darstellungen sind nicht nur grundsätzlich interessant, sondern führen auch dazu, Regelungen in der eigenen Rechtsordnung nicht länger als selbstverständlich anzusehen. Dadurch erweitert man sein eigenes Blickfeld auf mögliche Lösungsansätze und lernt, problematischen Fragestellungen offen und unvoreingenommen zu begegnen, ohne dabei den vom inländischen Gesetzgeber gewählten Lösungsansatz von vornherein als das Nonplusultra anzusehen.
Hinzu kommt, dass es nicht nur in fachlicher, sondern ebenso in persönlicher Hinsicht unglaublich interessant ist, mehr über die Menschen unterschiedlichster Herkunften zu erfahren und von ihnen lernen zu können.

6. Du bist mittlerweile fast ein halbes Jahr in Großbritannien. Welche Erfahrung ist bis jetzt für Dich schon unbezahlbar?


Die eine unbezahlbare Erfahrung gibt es für mich eigentlich nicht. Eher sind es all die Erfahrungen in ihrer Gesamtheit, die das Jahr für mich schon jetzt unbezahlbar machen. Das Durchschlagen in einer fremden Umgebung, das Erleben der Kulturenvielfalt der Stadt, ein fachlich herausforderndes sowie spannendes Studium und das Kennenlernen unzähliger toller und interessanter Menschen tragen dazu bei, das LL.M.-Studium in London für mich persönlich zu einer Erfahrung von nahezu unschätzbarem Wert werden zu lassen.

     

7. Was möchtest Du unbedingt noch unternehmen in den kommenden Monaten?


Demnächst steht erstmal die Klausurphase und damit eine leider eher stressige Zeit vor der Tür. Die Sommermonate will ich dann aber definitiv noch nutzen, um die Gegend um London herum etwas besser kennenzulernen. Der Süden Englands hat schließlich noch so viel mehr zu bieten als die Hauptstadt. Orte wie die weißen Kreidefelsen von Dover stehen dabei weit oben auf meiner Prioritätenliste. Außerdem möchte ich unbedingt noch ein Premier League-Spiel live erleben, um mich davon überzeugen zu können, ob die Stimmung in englischen Stadien wirklich das hält, was sie verspricht.

8. Du bist jetzt mittendrin und hast schon viele Erfahrungen gesammelt. Bestimmt hast Du wertvolle Tipps für alle, die gerade in den Vorbereitungen Ihres LL.M.-Studiums stecken. Deine drei ultimativen Tipps:


1. Die Planung: Man sollte sich ausreichend Zeit für die Planung nehmen. Den Aufwand, den die Vorbereitung eines LL.M.-Studiums in Anspruch nimmt, habe ich damals glaube ich etwas unterschätzt. Gerade für den ersten Schritt der Auswahl von Land und Universität sollte man sich genug Zeit nehmen, um frühzeitig die Weichen dafür zu stellen, dass das Vorhaben letztendlich den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht. Die Entscheidung darüber, was dabei konkret wichtig ist, kann einem niemand abnehmen. Es liegt vielmehr an jedem selbst, sich darüber klar zu werden, was man sich von dem Vorhaben verspricht und wo man dies am besten verwirklichen zu können glaubt. Darauf folgt dann das eigentliche Bewerbungsverfahren. Sprachtests, Motivations- und Empfehlungsschreiben können hier viel Zeit kosten. Wenn man sich jedoch bereits im ersten Schritt wirklich Gedanken über die Auswahl gemacht hat, fällt das Motivationsschreiben umso leichter. Auch finanzielle Aspekte sollten frühzeitig geplant werden. Eine Bewerbung um Stipendien kostet zwar weitere Zeit, kann aber am Ende viel Geld sparen.

2. Menschen kennenlernen: Die Bewertung der Zeit im Ausland ist zu einem Großteil abhängig von den Menschen, mit denen man die Zeit verbringt. Die wenigsten Studenten werden dabei schon vor Beginn des Studiums ihre Kommilitonen kennen. Das macht allerdings nichts. Schließlich sind alle in der gleichen Situation. Es mag zwar am Anfang etwas ungewohnt sein, fremde Menschen einfach anzusprechen. Man stellt jedoch schnell fest, wie froh Kommilitonen in der gleichen Situation sind, wenn man selbst den ersten Schritt macht und offen auf sie zugeht. Gerade am Anfang der Zeit im Ausland bieten viele gemeinsame Veranstaltungen ("socials") eine gute Gelegenheit, sich untereinander kennenzulernen. Auch die Mitgliedschaft in Societies oder Sportvereinen der Universität kann ich absolut empfehlen. Dadurch erhält man die Möglichkeit, auch abseits des eigenen Programms Studenten mit ähnlichen Interessen kennenzulernen und Freundschaften zu schließen, die im Optimalfall ein Leben lang halten können.

3. Last but not least: Genießt die Zeit im Ausland! Natürlich ist ein Abschluss mit Auszeichnung ("distinction") nett, keine Frage. Einen Lernaufwand vergleichbar mit der Examensvorbereitung in Deutschland würde ich dafür aber nicht aufbringen wollen. Ich habe mich schließlich unter anderem dazu entschieden, nach dem ersten Staatsexamen den LL.M. zu machen, um mich gerade nicht unmittelbar ins Referendariat und damit in die nächste Examensvorbereitung zu stürzen. Selbstverständlich geht es anderen Studenten anders, was auch überhaupt kein Problem ist. Wie bereits gesagt, jeder muss für sich selbst entscheiden, welchen Nutzen er aus der Zeit des Auslandsstudiums ziehen will. Mir war vor allem folgender Gedanke wichtig. Die Gelegenheit, ein Jahr als Student im Ausland zu verbringen, bekommt man später in aller Regel nicht mehr. Aus diesem Grund war mir wichtig, die Zeit hier bestmöglich zu genießen. Das konnte dann durchaus auch mal bedeuten, die umfangreiche Reading List für das Seminar am kommenden Tag nur zu überfliegen oder ein Essay nicht bis ins letzte Detail zu perfektionieren, um stattdessen mit der Fußballmannschaft einen Sieg in einem der unzähligen Pubs der Stadt zu feiern. Natürlich soll das jetzt kein Aufruf sein, die Zeit nur zum Feiern zu nutzen. Was ich sagen möchte, ist Folgendes: Man hat sowohl in zeitlicher als auch in finanzieller Hinsicht zu viel investiert, um von anderen bestimmen zu lassen, wie man seine Zeit zu nutzen hat. Vielmehr sollte man das tun, was man selbst für richtig hält und was man sich im Vorfeld von dem Studium versprochen hat. Denn dann, da bin ich mir sicher, wird das LL.M.-Studium eine fantastische Zeit, die zahlreiche unvergessliche Erlebnisse bietet.

9. Mal kurz in die Zukunft gedacht: Wie geht es für Dich nach Deinem Auslandsstudium in Deutschland weiter?


Nach meiner Rückkehr werde ich mit einer Dissertation im Gesellschaftsinsolvenzrecht beginnen. Ich hoffe sehr, die im Laufe des LL.M.-Studiums gewonnenen Erkenntnisse dabei bereits nutzen zu können. Mittelfristig steht für mich dann auch noch das Referendariat an. Bis dahin dauert es aber noch ein wenig.

Felix, vielen Dank für das Interview und noch eine ganz tolle, spannende Zeit in England.

Du planst auch gerade ein LL.M.-Studium im Ausland? Auch in diesem Jahr stellen wir wieder insgesamt drei clavisto LL.M.-Stipendien in Höhe von jeweils 3.000 EUR zur Verfügung! Egal welches Ziel auf der Welt Du auch hast, bewirb Dich bis zum 30. April um ein clavisto LL.M.-Stipendium. Alle Infos zum Stipendium findest Du hier.