“Come here. Go anywhere.“ – Mein Erasmus-Jahr in Schottland (1)

Formalitäten

Im März 2013 bekam ich die freudige Nachricht, für zwei Semester Jura an der schottischen University of Aberdeen im Vereinigten Königreich im Zuge des Erasmus-Programms der Europäischen Union studieren zu dürfen. Daraufhin haben wir vier Student(inn)en aus Freiburg, die nach Aberdeen gingen, uns getroffen und gemeinsam anhand des im Internet unter www.abdn.ac.uk/registry/courses/ zu findenden Kurskataloges unser Learning Agreement erstellt. Nachdem dieses von unserer Erasmus-Koordinatorin in Freiburg unterschrieben war, haben wir es an die Erasmus Unit in Aberdeen geschickt und kurz darauf einen Letter of Acceptance erhalten. Im Vergleich zu anderen Gasthochschulen werden hierbei alle Formalitäten per E-Mail und nicht postalisch geregelt. Außerdem wurden wir von der Universität Aberdeen umfangreich mit To-do-Listen und Hinweisblättern unterstützt, so konnte man beispielsweise online ein Passfoto hochladen, damit die Student ID bei Ankunft schon fertig zur Abholung bereit liegt. Bereits vor der Abreise nach Aberdeen sollte man einen Termin mit dem zuständigen Koordinator für ein Treffen in der ersten Semesterwoche vereinbaren. 


Vorbereitung und Unterkunft
Generell ist Schottland sehr ähnlich zu Deutschland, weshalb es neben dem Beurlaubungsantrag für die Universität Freiburg und dem unerlässlichen Kauf einer guten Regenjacke, die man leider auch sehr oft benötigt, keine besonderen Vorbereitungen zu treffen galt. Wer in der Schule Englisch als Leistungskurs belegt hat und sich für die Sprache begeistert, wird keinerlei Schwierigkeiten haben, den Verwaltungsaufwand zu bewältigen oder den Vorlesungen zu folgen – und auch an den mitunter starken schottischen Akzent gewöhnt man sich schnell. Zwar wurde ein Sprachkurs für Erasmus-Studenten angeboten, jedoch war dessen Niveau weit unter Abiturniveau, weshalb wir ihn nicht besucht haben.
Bereits einige Monate vor der Abreise nach Aberdeen erhielt man zudem die Garantie auf einen Wohnheimplatz auf dem von der Universität betriebenen und im Jahr 2016 teilweise renovierten Wohnheimgelände Hillhead. In Hillhead leben über 2000 Studenten, es gibt einen kleinen Supermarkt auf dem Gelände, eine Bushaltestelle direkt vor der Haustür und einen 24-Stunden-Hausmeisterservice.
Der Weg von Hillhead zur Universität beträgt fünfzehn Minuten zu Fuß und führt durch den in englischer Manier gepflegten und weitreichenden Seaton Park, der sich auch gut zum Joggen oder für Barbecues im Sommer eignet.

Anreise und erste Schritte
Wenn man früh genug bucht, gibt es Direktflüge bei Lufthansa von Frankfurt nach Aberdeen schon ab 50 € pro Flug, wobei die Flugzeit ungefähr zwei Stunden beträgt. Reist man, wie von der Studentenorganisation AUSA empfohlen, eine Woche vor Vorlesungsbeginn im September an, wird man mit Minibussen vom Flughafen nach Hillhead gebracht und dort wird einem von fleißigen Freiwilligen geholfen, das Gepäck in die Zimmer zu transportieren (einen Aufzug gibt es in keinem der Häuser).
Ausgemacht hat für mich das Gefühl eines perfekten Willkommens in Hillhead, dass für jeden Studenten ein Namensschild an seiner Zimmertür angebracht war, als man ankam. Darüber hinaus lag in jedem Zimmer ein Paket mit einer SIM-Karte des günstigsten Handyanbieters GiffGaff, etwas zu trinken und einer Kleinigkeit zu essen bereit. Zu den Lebenshaltungskosten ist anzumerken, dass diese im Vergleich zu den Kosten in Deutschland etwas höher sind. Wenn man jedoch fast ausschließlich bei dem nur zehn Minuten von Hillhead entfernten LIDL einkauft, hält sich die höhere Kostenbelastung für Lebensmittel in Grenzen.
Über das Busfahren lässt sich sagen, dass Busse auf die Minute pünktlich abfahren und man dem Busfahrer „winken“ muss, wenn man von der Bushaltestelle mitgenommen werden möchte. Die Linie 20 der Busgesellschaft First Bus hält direkt in Hillhead und fährt im Zwanzig-Minuten-Takt an der Universität vorbei ins Stadtzentrum Aberdeens, welches in einer guten Stunde zu Fuß von Hillhead zu erreichen ist. Eine Einzelfahrt mit dem Bus kostet £ 2,50, weshalb sich ein Tagesticket für £ 3,50 häufig lohnt.
Die Innenstadt Aberdeens mit der Union Street als Hauptstraße mag bei regnerischem Wetter mit all dem Granit recht trist erscheinen, jedoch gibt es gute Einkaufsmöglichkeiten und eine hohe Dichte an netten Cafés, Pubs und Clubs (hier seien insbesondere die Pubs Six Degrees North und Triple Kirks sowie die Clubs Institute und Espionage als Tipps genannt). Möchte man am späten Abend nach einem Pub- oder Clubbesuch in der Stadt zurück nach Hillhead kommen, bietet es sich häufig an, ein Taxi zu nehmen, welches durchschnittlich nur £ 7,50 für vier Personen kostet.

Generelle Anmerkungen zum Studium
Die University of Aberdeen ist eine traditionsreiche und geschichtsträchtige Universität, die bereits 1495 von Bischof Elphinstone gegründet wurde. Einige der Gebäude wie die King’s College Chapel oder das King’s College sind aus dem 16. Jahrhundert und gut erhalten, viele der späteren Gebäude wie das New King’s College wurden an deren Baustil angepasst. Der Campus erstreckt sich über ganz Old Aberdeen mit seinen kleinen Gassen und Häusern aus grauem Granit als Aberdeens Markenzeichen. Die School of Law und die juristische Bibliothek sind in Block C des Taylor Buildings untergebracht.


Über das Jurastudium ist zu sagen, dass sich ein Kurs aus drei einstündigen lectures pro Woche sowie durchschnittlich vier tutorials pro Semester zusammensetzt. Diese tutorials sind mit den AGs in Deutschland vergleichbar, allerdings dauern sie nur eine Stunde und es werden maximal zehn Studenten unterrichtet. Da die Professoren darin den Kontakt zu den Studenten suchen, sollte man sich gut darauf vorbereiten und die darin behandelten Themen sind häufig klausurrelevant. Darüber hinaus schreibt man in einigen der Erstjahreskurse während des Semesters eine Übungsklausur. Hierin wird sichtbar, dass das Studium der Rechtswissenschaft in Schottland wesentlich verschulter als in Deutschland ist, da viele der Studenten im ersten Semester nicht älter als 17 Jahre sind.

Zudem gut zu wissen ist, dass das Jurastudium in Schottland nur am Rande etwas mit Falllösung zu tun hat und daher komplett anders zu all jenem ist, was uns mühsam in Deutschland eingebläut wurde. Subsumption ist dort ein Fremdwort – weshalb in Klausuren auch keine Fälle gelöst, sondern essay questions beantwortet werden. Ähnlich wie in der Schule müssen hierbei zu jeder ausgewählten Klausurfrage eine Einleitung, ein Hauptteil mit kritischer Analyse sowie ein Schlussteil verfasst werden.
Da sich viele Bereiche des schottischen Rechts vornehmlich durch die Rechtsprechung weiterentwickeln, ist das Zitieren von Fällen für ein Erreichen guter bis sehr guter Punktzahlen unausweichlich und so gilt: je mehr Fälle beschrieben und zitiert werden, desto höher generell auch die Punktzahl. Die angewandte Notenskala in Aberdeen reicht von 0-20 Punkten, wobei man mit neun Punkten bestanden hat, was mit intensiver Vorbereitung gut machbar ist. Wer darüber hinaus Klausurfragen kritisch und differenziert beantwortet, wird mit Punktzahlen im oberen Bereich der Notenskala honoriert.

Positiv fand ich, dass Vorlesungen eines Kurses von wechselnden und oftmals internationalen Dozenten gehalten werden. Gut in Erinnerung blieb mir weiter, dass man in vielen der Kurse schon während des Semesters eine Prüfungsleistung erbringen muss (in Multiple-Choice-Tests oder Essays im Umfang bis zu 2.500 Wörtern), die ca. 25% der Gesamtnote ausmachen. Das relativiert den Druck, der auf einem in den jeweils 120-minütigen Klausuren am Ende des Semesters lastet.
Imponiert hat mir zudem, dass das Verhältnis zwischen Professoren und Studenten an der Universität in Aberdeen weitaus weniger von Hierarchien geprägt ist, als man es von deutschen Universitäten gewohnt ist.
Anrechnung von in Aberdeen erbrachten Studienleistungen.

Die Anrechnung des großen Scheins im Öffentlichen Recht erfolgte ohne Probleme nach Bestehen der beiden jeweils 120-minütigen schriftlichen Klausuren in EU Institutions and Law und Public International Law durch Vorlegen des entsprechenden Transcripts of Records aus Aberdeen und des Antrags auf Anrechnung der Prüfungsleistung bei der Studienfachberatung an meiner Heimatuniversität Freiburg nach meiner Rückkehr.