Veröffentlicht am 25.11.2021

„Kunst verlässt den Elfenbeinturm“ Interview mit Kunsthistoriker Pascal Heß im Zuge der Online Kunstseminare bei Baker McKenzie

Herr Heß, wo liegen die Wurzeln für Ihre Faszination für Kunst?

Ich wuchs auf in einem kleinen Dorf im Mittelgebirge Vogelsberg, 60 Kilometer nordöstlich von Frankfurt. Dort entdeckte ich unseren 300 Jahre alten Bauernhof als mein erstes "Kunst-Objekt". Ich bohrte Lehmwände auf, um zu sehen, wie das Material beschaffen ist, und lernte in alten Büchern die Kurrentschrift, eine frühere Schreibschrift. Diese Faszination für Altes und für Strukturen ließ mich nie los - und setzte sich von einem Architekturstudium in Darmstadt, über ein Studium der Kunstgeschichte in Frankfurt bis hin zu meinem Beruf als Kunsthistoriker fort. Ich glaube, dass wir von der Kunst und konkret beim Studium eines Objekts - sei es ein Bild, eine Statue oder auch eine Lehmwand - viel über das Leben und den Erfahrungsbereich des Künstlers oder Erbauers dieser Zeitepoche lernen und so viel über uns selbst erfahren können.


In der Coronapandemie verlagerten Sie Ihre Arbeit ins Internet und halten heute zahlreiche virtuelle
Kunstseminare, auch für unsere Kanzlei.
Wo sehen Sie die Vorteile dieses Formats?

Das virtuelle Format bietet eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten: Erstens, ich kann den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Details eines Kunstwerks zeigen, die in einer Ausstellung nicht sichtbar sind. Indem man Ausschnitte eines Werkes heranzoomt, taucht man in das Kunstwerk ein. Mit anderen Worten: Man sieht es so, wie der Künstler es beim Erschaffen selbst wahrgenommen hat, sieht die Beschaffenheit des Materials, die der Farben, bei einem Bild die Struktur der Leinwand. Zweitens, wo sonst hat man die Möglichkeit, internationale Kunstwerke, die über die Museen rund um den Globus verstreut sind, in Augenschein zu nehmen? Drittens, man kann das Kunstwerk sinnlich erweitern - etwa mit passender Musik untermalen, die historische Umgebung via Google Maps zeigen und in die Stadt hineinzoomen, oder zeigen, wo sich die Kunstwerke in der realen Welt befinden, z.B. Gemälde von Rembrandt in Amsterdam. Viertens, Kunst wird zum sozialen Erlebnis. Man trifft sich mit Menschen im virtuellen Raum, sei es im Bereich der Unternehmen mit Kolleginnen und Kollegen oder privat mit Familie und Freunden. Indem man sich aus den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen hinzuschaltet, erlebt man Kunst gemeinsam und kann sich darüber austauschen. Und fünftens, die virtuellen Seminare sind klimaneutraler als eine Reise an die jeweiligen Orte. Man benötigt keine langen Anfahrtswege, sondern kann sich bequem vom heimischen Schreibtisch, von der Couch oder vom Café aus einloggen. Kunst verlässt also im Zuge der Online Seminare den Elfenbeinturm, sie hat keinen festen Ort mehr, wird zum barrierefreien Raum.

 

Wie wählen Sie die Themen für ein virtuelles Seminar aus?

Ich halte bei der Themenwahl gerne Ausschau nach dem Absurden und Geheimnisvollen. Beispielsweise hat es mir das Thema Einhorn angetan. Woher stammt dieses Fabeltier? Hier schlage ich in meinem Seminar eine Brücke von der griechischen Antike, über Bildteppiche im Metropolitan Museum bis hin zum Haus Gryffindor, eines der Häuser in Hogwarts, der Schule für Hexerei in "Harry Potter". Oder wer ist die geheimnisvolle Frau in Botticellis Gemälden? Im Seminar entführe ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter anderem in das Florenz des Zeitalters der Renaissance und gehe einem Rätsel auf die Spur. Es kommt auch vor, dass meine Kunden mit Themenvorschläge an mich herantreten, die ich mir anschaue, ob sie als Seminar funktionieren.

 

Wann haben Sie das Gefühl, eine online Kunstsession verläuft gut?

Wenn die Gäste des Seminars oder ein Großteil von ihnen die Kamera angeschaltet haben, bekomme ich ein Gespür dafür, ob das Thema in der Gruppe gut ankommt. Ich kann reagieren, indem ich z.B. das Tempo erhöhe oder die Richtung ändere, in die das Thema laufen soll. Auch Mentimeter, also die App für Echtzeit-Feedback, ist ein gutes Indiz, ob das Thema auf Begeisterung stößt. Ist die Beteiligung hoch, weiß ich, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch mit dabei sind - auch dann, wenn sie ihre Kameras ausgeschaltet haben. Last but not least ist die Rückmeldung im Chat am Ende ein guter Indikator, ob das Thema für die Gruppe funktioniert.

 

"L'art pour l'art", sprich, die Kunst genügt sich selbst. Gibt es gleichzeitig etwas, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer virtuellen Session als Impulse für Ihren Alltag mitnehmen können?

Mein Ziel ist, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, Dinge selbst zu sehen. Sehen in dem Sinne, dass sie ihren Blick öffnen, für Details. Ich arbeite oft mit dem Konzept des assoziativen Lernens. Es verknüpft positive Emotionen mit Sinneseindrücken. Ein Beispiel: Bei einer Verkündigungsdarstellung stehen der Erzengel Gabriel und Maria sich meist gegenüber. Maria wird fast immer lesend dargestellt. Wenn ich erzähle, dass Maria offenbar keine Zeit für den Engel hat, weil sie erst das Kapitel zu Ende bringen möchte, bevor sie den Kopf hebt und reagiert, erinnern Sie die Szene beim nächsten Gemälde eher als wenn ich die Szene einfach beschreibe. Ich möchte weniger Daten vermitteln als vielmehr die Tür zum selbstständigen Sehen öffnen.

 

Werden Sie die Online-Seminare auch "nach Corona" weiterführen?

Auf jeden Fall. Online-Seminare erweitern die Ausstellungen und setzen andere Themen. Zudem sind sie, wie schon angesprochen, ein soziales Ereignis. Sie fördern das Teambuilding in Unternehmen und bringen privat Menschen zusammen, die ggf. über ganz Deutschland verteilt leben, womöglich auch über die Grenzen hinweg.

Herr Heß, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch. Das Interview führte Iris Meinking.

 

 

 

Bisherige virtuelle Kunstseminare von Pascal Heß bei Baker McKenzie

 

Februar 2021: „Zauber im Detail:
Das Paradiesgärtlein“
Ein ganzer Kosmos liegt in kleinsten Details eines
Bildes, das uns nach 600 Jahren noch mehr zu sagen
hat, als wir denken.


März 2021: "Der brillanteste Maler der Welt:
Hans Holbein”
Er hat sie alle gekannt: Heinrich VIII, Francois I.,
Erasmus von Rotterdam und Thomas Mores waren
die Auftraggeber Hans Holbeins, der vielleicht sogar
der bessere Leonardo ist.

 

April 2021: „Botticelli und die geheimnisvolle Frau“

Ein kriminalistischer Indizienprozess arbeitet ein

Attentat im Florenz der Medici auf. Und im Zentrum

steht eine geheimnisvolle Frau.

 

Mai 2021: „Magische Wesen und Rätselbilder: Das

Einhorn in der Kunst“

Einhörner sind nur Fantasie? Eine Reise durch die

Paläontologie, das Metropolitan Museum in New York

über das Musee Cluny bis hin zu Raffael spürt den

magischen Wesen nach.

 

Juni 2021: Gespaltene

Persönlichkeit? Seminar zum

Meister von Flemalle und zu Rogier

van der Weyden“

Kann ein Maler drei Personen sein?

Der Mensch, der mit der ersten

rauchenden Kerze im Bild einen

Meilenstein in der Naturbeobachtung

gesetzt hat, ist bis heute ein

Mysterium.

 

Nach einer Sommerpause wird im Herbst 2021 die Reihe fortgesetzt.

Im Oktober steht Rembrandt im Fokus - mit Details, die über die

aktuelle Rembrandt-Ausstellung im Städel hinausgehen.

Weiterführende Informationen finden Sie auf folgender Website:

https://www.derkunsthistoriker.de/

 

 





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