Veröffentlicht am 12.11.2021

Im Zeichen des Restrukturierungs- und Insolvenzrechts (1/2)

Was genau weckte Euer Interesse für den Bereich Restrukturierungs- und Insolvenzrecht?

Artur: Erste Berührungspunkte mit dem Restrukturierungs- und Insolvenzrecht hatte ich 2007 an der Uni im Schwerpunktbereich. Mich begeisterte von Anfang an die enge Verzahnung von Recht und Betriebswirtschaft - eine gelungene Abwechslung zu den vielen, teils weniger relevanten Jura-Themen wie z.B. Straßenrecht.

Anja: Ich unterstützte recht kurz nach meinem Berufseinstieg bei einem Verkauf aus der Insolvenz. Ich arbeitete, wie viele Berufseinsteiger, nur wenig an Verträgen mit, sondern kümmerte mich vor allem um die Anlagen. Das war zwar ziemlich ernüchternd; gleichzeitig empfand ich die Arbeit als sinnstiftend, da es bei Restrukturierungen immer auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen geht. Erst deutlich später kam ich über einen Mandanten aus dem Energiebereich mit Fragen aus dem Insolvenzrecht in Berührung. Spannend fand ich von Anfang an, dass viele juristische "Naturgesetze" in der Insolvenz ausgehebelt sind und dass das Insolvenzrecht die klassische juristische Tätigkeit mit vielen Schnittstellen zu anderen Rechtsgebieten ermöglicht.

Joachim: Bei mir spielte tatsächlich der Zufall eine große Rolle. Ich wollte nach dem ersten Staatsexamen das Universum "Wirtschaftskanzlei" kennen lernen und die erste Kanzlei, die mir geantwortet hat, bot mir eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Insolvenzrecht an.



Wo liegt für Euch heute der Reiz dieses Rechtsgebiets?

Anja: Besondere Freude macht mir nach wie vor die Arbeit im "großen Ganzen". Für das Insolvenzrecht spielen neben den betriebswirtschaftlichen Themen das Steuer- und Arbeitsrecht eine große Rolle, aber auch die ganze Klaviatur des Wirtschaftsrechts. Es kommt jeden Tag ein neues Puzzlestück dazu, das finde ich persönlich sehr spannend. Da ich eine Schwäche für Litigation Mandate habe, ist für mich der Aspekt der Anfechtungsklagen besonders reizvoll.

Joachim: Das Restrukturierungs- und Insolvenzrecht ist stark wirtschaftlich geprägt und man muss sich richtig in Bilanzen, GuVs und Liquiditätsplanungen "reinwühlen". Nach und nach wird man darin auch immer besser. Wir beschäftigen uns aber auch mit viel "echtem" Jura. Bei sehr vielen Vertragsgestaltungen, die wir Juristen tagein, tagaus vornehmen, geht es ja darum, wer wessen Ausfallrisiko trägt und wie wir unsere Mandanten schützen können. Zum Schwur kommt es aber häufig nur, wenn einem Vertragspartner das Geld ausgeht. Wenn es keine Insolvenzrisiken gäbe, wäre ein Großteil unserer Arbeit überflüssig. Man gewöhnt sich durch unsere Arbeit sehr daran, die Dinge vom praktischen Ende her zu denken im Sinne von: Wer kann wen verklagen, wenn es schiefgeht?

Artur: Für mich ist es ebenfalls die enge Verzahnung von Recht und Betriebswirtschaft, die den besonderen Reiz des Restrukturierungs- und Insolvenzrechts ausmacht. Daran hat sich in den letzten 15 Jahren nichts geändert. Wir können die spannenden Themen aus beiden "Welten" mitnehmen - es wird nie langweilig. Ich empfinde meine Arbeit auch als sinnstiftend. Das gibt mir ein gutes Gefühl und motiviert mich. Bei der Rettung eines angeschlagenen Unternehmens mitzuwirken und dadurch Arbeitsplätze, Vermögenswerte usw. zu retten und zu erhalten, ist einfach eine gute Sache.

 

 

Joachim, Artur, Ihr kamt beide im Januar 2021 zu Baker. Was habt Ihr Euch vorgenommen und was habt Ihr bereits umgesetzt?

Joachim und Artur: Das kann man unterscheiden in interne und externe Aufgaben. Intern wollten wir uns zunächst als Team zusammenfinden. Wir beide kannten uns schon gut, weil wir zuvor drei Jahre zusammengearbeitet haben. Da waren wir uns sicher, dass das schnell klappt. Auch unsere ehemalige Assistentin Karina Blumenauer, die mit uns zu Baker kam, kannten wir schon aus früheren Zeiten und waren sehr froh, dass wir sie überzeugen konnten, mit uns zu gehen. Dass Anja dann unser R&I Team ergänzt hat, ist ein echter Glücksfall. Die Integration hat auch in Zeiten von Corona gut geklappt, dank der virtuellen Vernetzung unserer Büros. Bei Baker wurden wir sehr freundlich aufgenommen und bekommen nach und nach ein Gefühl dafür, wie die Kanzlei "tickt". Natürlich fehlt der Kontakt "face to face", also nicht nur virtuell, aber das kommt sicherlich bald.


Eure bisher spannendsten Mandate bei Baker?

Anja: Für mich sind das die streitigen Verfahren. Die Abwehr einer Anfechtungsklage des Insolvenzverwalters in einem grenzüberschreitenden Kontext - also die Verzahnung von Zivilprozess- und Insolvenzrecht - macht mir am meisten Spaß. Das Messen mit der Gegenseite, die Suche nach den besseren Argumenten ist genau mein Ding.

Joachim: So viele waren es bislang (noch) nicht. Am Interessantesten fand ich den Fall eines global tätigen Automobilzulieferers, den wir während seiner Refinanzierung insolvenzrechtlich begleiten durften.

Artur: Dito - dieser Fall war bisher das Highlight!

 

Baker steht u.a. für seine Internationalität. Wie muss man sich die büroübergreifende Zusammenarbeit - deutschlandweit und über die Grenzen hinweg - in Eurem Gebiet vorstellen?

Joachim: Dafür ist der oben genannte Fall des Automobilzulieferers ein gutes Beispiel. Die Gruppe hatte von Anfang an gute Chancen, sich über einen Bond zu refinanzieren und am Ende hat das gut geklappt. Gleichzeitig musste sie stark auf ihre Liquidität achten. Wir stimmten uns mit Kollegen aus vielen Jurisdiktionen, u.a. Spanien, Türkei, Mexiko, Bulgarien, Marokko, China, eng ab, um festzustellen, wo Liquiditätsengpässe wegen des geltenden Insolvenzregimes gar nicht und wo sie zumindest kurzzeitig tolerierbar sind. Liquidität innerhalb der Gruppe wurde unter Berücksichtigung lokaler Kapitalerhaltungsregelungen verschoben, Lieferanten bedient bzw. Patronatserklärungen ausgestellt, um die Gruppe während des Refinanzierungsprozesses zu stabilisieren.

Artur: Es gibt keinen größeren Restrukturierungs- und Insolvenzfall ohne einen grenzüberschreitenden Bezug. Oft sind Tochtergesellschaften oder Betriebsstätten eines Unternehmens in der ganzen Welt verstreut. Eine solche Unternehmensgruppe zu sanieren oder während einer Insolvenz zu begleiten, ist eine echte Herausforderung. Das geht nur, wenn die Zusammenarbeit mit den ausländischen Kollegen klappt. Für solche grenzüberschreitenden Fälle ist unsere Kanzlei prädestiniert. Das merken wir nicht nur auf den Mandaten, sondern auch bei den zahlreichen internen Veranstaltungen, Projekten und Gesprächen - derzeit vor allem den Videokonferenzen - im Bereich Restrukturierung und Insolvenz, die laufend stattfinden.

 

Werfen wir einen Blick in die Zeit vor Corona und heute: Haben sich Euer Arbeitsspektrum und - umfeld verändert? Wenn ja, welche Faktoren spielten hierbei eine Rolle?

Joachim: Auf jeden Fall. Unser Rechtsgebiet ist stark von der Pandemie geprägt. Wegen der staatlichen Hilfsmaßnahmen und der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht gibt es momentan aber eher eine "Insolvenzdelle" als eine "Insolvenzwelle". Derzeit beobachten wir die mit Abstand niedrigsten Zahlen an Unternehmensinsolvenzen seit Einführung der Insolvenzordnung 1999. Wir werden sehen, was die nächsten Monate bringen. Anfangs habe ich das Homeoffice sehr genossen - regelmäßige Mahlzeiten mit meinen Kindern und die Möglichkeit, zwischendurch mal Sport zu machen. Teilweise genieße ich das immer noch, vermisse gleichzeitig den Alltag im Büro. Gespräche mit Kollegen gehören einfach dazu.

Anja: Die Pandemie hat trotz aller Schwierigkeiten gezeigt, dass ein effizientes Arbeiten im Homeoffice möglich ist. Das empfinde ich als Bereicherung. Technische Neuerungen wie virtuelle Meetings wurden mit Beginn der Pandemie schnell umgesetzt.


Was motiviert Euch jeden Tag aufs Neue in Eurem Beruf?

Anja: Ich fühle mich meinen Mandanten verpflichtet, sie bauen auf uns und achten unseren Rat, das ist für mich mein Antrieb und meine hundertprozentige Motivation.

Joachim: Jeden Tag nachdenken, formulieren und verhandeln zu können, mitzubekommen "was läuft", gute und inspirierende Gespräche mit interessanten Menschen zu führen und sich immer weiter zu verbessern.

Artur: Anja und Joachim kann ich mich nur anschließen. Zudem haben wir bei Baker die Chance bekommen, das R&I-Team auszubauen und unsere Arbeit weitestgehend nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Das ist ein echter Vertrauensbeweis, der mich derzeit täglich motiviert, das Beste zu geben.

 

Wenn Ihr aus dem Bürofenster schaut, was seht Ihr?

Artur: Das Steigenberger Hotel und manchmal die Mitarbeiter des Hotels, die auf den kleinen Balkonen einen Kaffee trinken. Dann winke ich manchmal freundlich rüber.

Anja: Ich wohne im Norden Berlins, mit dem Wald direkt vor der Tür. Wenn ich im Homeoffice aus dem Fenster sehe, sehe ich nicht nur sprichwörtlich "Fuchs und Hase". Das ist das Kontrastprogramm zum Arbeitstag im Büro: Dort blicke ich auf die viel befahrene Friedrichstraße mit seiner Internationalität und dem turbulenten Leben. Beides hat für mich seinen Reiz.

Joachim: Im Büro: Spiderman, eine Figur auf dem Dach eines gegenüberliegenden Bürokomplexes! Daheim: Echte Spinnennetze auf unserem Dachboden, die ich mal entfernen müsste.

 

Warum seid Ihr Anwalt geworden – und was wäre ein alternativer Beruf für Euch gewesen?

Anja: Ich komme aus einer klassischen Juristen-Familie, dennoch wollte ich früher lieber in der medizinischen Forschung arbeiten. Letztlich landete ich doch bei Jura. Intellektuell hatte ich von Beginn an Freude daran; die Leidenschaft für Jura kam dann aber erst mit dem Einstieg in den Beruf.

Artur: Ich wollte ursprünglich katholische Theologie studieren; hatte zeitweise sogar überlegt, Pfarrer zu werden.

Joachim: Zur Zeit des Abiturs waren meine Entscheidungsprozesse noch nicht so reflektiert wie heute - so viel hatte ich damals also gar nicht überlegt. Vielleicht hätte der Lehrerberuf auch zu mir gepasst, er hat in meiner Familie Tradition und passt wahrscheinlich auch ein bisschen zu meinem Naturell. Oder Landwirt - ich mag die Natur sehr.


Was erwartet Berufseinsteiger im R&I Bereich? Und was empfehlt Ihr
Nachwuchsjuristen, die in dieses Gebiet einsteigen möchten?

Artur: Wer bereit ist, über den juristischen Tellerrand hinauszuschauen, ist im Restrukturierungs- und Insolvenzbereich richtig. Jedes Mandat ist sehr individuell. Das ist spannend, kann an manchen Tagen gleichzeitig sehr fordern, auch nach mehreren Berufsjahren. Wer Routine sucht, dürfte sich mit unserem Rechtsbereich nur schwer anfreunden.

Anja: Aus meiner Sicht ist eine sehr saubere juristische Arbeitsweise gefragt. Aber auch Spaß am Umgang mit Zahlen und die Fähigkeit, im Team zu arbeiten, mit anderen juristischen Kollegen, aber auch mit Personen, die das betriebswirtschaftliche Know-how mitbringen. Last but not least: ein starkes Rückgrat und ein geradliniger Charakter.

Joachim: In meinen Augen ist es das ideale Rechtsgebiet für einen wirtschaftlich interessierten Allrounder, der eine gewisse Hemdsärmlichkeit mitbringt.

 

Anja, Artur und Joachim, vielen Dank für dieses Interview. Die Fragen stellte Iris Meinking.

 

 

 

Anja Moser • Senior Associate der Praxis Corporate von Baker McKenzie in Berlin • Sie begann 2012 im Berliner Büro unserer Kanzlei. 2013/2014 war sie für sechs Monate in unserem Frankfurter Büro tätig. Vor ihrem Wechsel zu Baker arbeitete sie als Anwältin einer anderen internationalen Großkanzlei in München im Bereich Gesellschaftsrecht und Prozessführung. • Sie berät Unternehmen, Gläubiger, Gesellschafter, das Management und Insolvenzverwalter in insolvenz- und gesellschaftsrechtlichen Fragen. Ihre Schwerpunkte liegen in der Beratung von Großgläubigern bei der Geltendmachung ihrer Insolvenzforderungen, der gerichtlichen und außergerichtlichen Geltendmachung und Abwehr von Ansprüchen der Insolvenzverwaltung sowie im Bereich Distressed M&A. • Die freie Zeit verbringt sie gerne mit ihrer Familie in der Natur, beim Klettern, Rad fahren, Reiten oder im Garten.

Joachim Ponseck MBA • Partner der Praxisgruppe Corporate im Frankfurter Büro von Baker McKenzie • Anfang 2021 startete Joachim Ponseck in unserer Kanzlei. Er besitzt mehr als zehn Jahre Berufserfahrung im Restrukturierungs- und Insolvenzrecht. Seine Karriere begann er im R&I-Team einer Magic-Circle-Kanzlei, wo er die Position des Counsel innehatte, bevor er zu Baker wechselte. • Er berät weltweit Mandanten in Fragen des deutschen und europäischen Insolvenzrechts. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Insolvenzanfechtung, d.h. die Durchsetzung oder Abwehr von insolvenzrechtlichen Ansprüchen gegen die Geschäftsführung und deren Gläubiger. Außerdem berät er Verkäufer und Käufer bei Distressed M&A-Transaktionen. • In seiner Freizeit macht er gerne Sport (Schwimmen, Laufen und Ballsportarten, jedenfalls theoretisch), liest Bücher über Geschichte oder Wirtschaft und verbringt möglichst viel Zeit mit seiner Familie, vor allem bei Ausflügen ins Umland.

Prof. Dr. Artur M. Swierczok LL.M (UCL), MSt. (Oxford) • Counsel der Corporate Gruppe im Frankfurter Büro von Baker McKenzie • Artur M. Swierczok stieg Anfang 2021 in unsere Sozietät ein. Zuvor war er für zwei internationale Kanzleien in Frankfurt tätig. Er ist Professor für Recht an der IU Internationale Hochschule. • Sein Schwerpunkt liegt im internationalen Restrukturierungs- und Insolvenzrecht. Er berät deutsche und internationale Unternehmen, Gesellschafter, Gläubiger und andere Stakeholder in allen Fragen des internationalen Restrukturierungs- und Insolvenzrechts. Darüber hinaus berät er bei Distressed M&A Transaktionen. • Einen Großteil seiner Freizeit widmet er derzeit seinem Meerwasseraquarium. Vor Corona nahm er regelmäßig an Fußballrunden teil. An den Wochenenden kocht er gerne gemeinsam mit seiner Frau.

 

 

*Zugunsten der Lesbarkeit haben wir auf geschlechter-spezifische Schreibweise verzichtet. Wir bitten um Verständnis.

 

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews: https://www.clavisto.de/partnerkanzleien/baker-mckenzie/shownews/im-zeichen-des-restrukturierungs-und-insolvenzrechts-22.html



Zurück zum Blog