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Veröffentlicht am 16.06.2026

So verhandelst Du im Vorstellungsgespräch Dein Gehalt richtig

Über Geld spricht man nicht? Doch – spätestens im Vorstellungsgespräch. Viele Nachwuchsjurist*innen verkaufen sich beim Berufseinstieg unter Wert, weil sie Angst vor der Gehaltsverhandlung haben. Karrierecoach Dr. Anja Schäfer zeigt, wie Du Deine Gehaltsvorstellung selbstbewusst ansprichst, souverän verhandelst und Dich klar positionierst.

Viele Nachwuchsjurist*innen gehen mit einem klaren Ziel ins Vorstellungsgespräch: überzeugen, sympathisch wirken und den Job bekommen.

Das Thema Gehalt? Wird oft bewusst ausgeklammert.

Denn wer beim Einstieg nicht wirklich verhandelt, startet häufig unter Wert. Und weil spätere Gehaltserhöhungen darauf aufbauen, zieht sich dieser Effekt über Jahre. Der entscheidende Moment kommt also früher, als viele denken: im Vorstellungsgespräch.
 

Warum sich so viele Nachwuchsjurist*innen nicht trauen

Die größte Hürde liegt selten beim Arbeitgeber – sondern im eigenen Kopf.

Gerade zu Beginn der Karriere denken viele:

„Ich bin froh, dass ich überhaupt eingeladen wurde.“
„Ich will nicht gierig wirken.“
„Was, wenn sie dann absagen?“

Diese Denkmuster sind weit verbreitet. Viele unterschätzen sich, wollen Harmonie wahren und vermeiden Situationen, in denen sie als „zu fordernd“ wahrgenommen werden könnten. Gleichzeitig hält sich der Irrtum, dass gute Leistung von selbst erkannt und belohnt wird.

Die entscheidende Erkenntnis: Wer das Thema Gehalt im Vorstellungsgespräch nicht anspricht, überlässt die Festlegung der Kanzlei – und begrenzt damit den eigenen Spielraum von Anfang an.


Warum Du Dein Gehalt nicht erst „später“ verhandeln solltest

Viele denken: „Ich verhandle später – nach der Probezeit oder dem ersten Jahr.“ Das klingt vernünftig – funktioniert aber selten.

Denn das erste Angebot setzt den Rahmen. Es wird zum Referenzpunkt für alles, was danach kommt. Wer hier zu niedrig einsteigt, muss später deutlich mehr Energie aufbringen, um das zu korrigieren.

Hinzu kommt: Kanzleien kalkulieren Gehälter nicht „fair“, sondern strategisch. Sie zahlen, was sie müssen und nicht automatisch, was angemessen wäre.

Das bedeutet: Wie Dein Einstiegsgehalt aussieht, entscheidet sich im Gespräch – durch Deine Positionierung, Deine Qualifikationen und Dein Verhandlungsgeschick. Die Gehaltsverhandlung ist daher immer auch ein Moment, in dem Du zeigst, wie Du Dich selbst im Markt siehst.


Deine Gehaltsverhandlung ist auch Positionierung

Im Vorstellungsgespräch geht es nicht nur darum, ob Du den Job bekommst – sondern auch darum, wie Du wahrgenommen wirst.

Wer sein Gehalt anspricht, zeigt: Ich habe mich mit meiner Rolle, meinen Stärken und der Position auseinandergesetzt – und ich bin bereit, dafür einzustehen. Genau das ist Personal Branding in der Praxis.


Ein anderer Blick auf das Thema Gehalt

Wenn Du an das Thema Gehalt im Vorstellungsgespräch denkst, fühlt es sich schnell unangenehm an. Fast wie ein Risiko: Was, wenn Du zu viel verlangst?

Dieses Gefühl ist völlig normal – hilft Dir aber nicht weiter.

Hilfreicher ist ein Perspektivwechsel: Du verhandelst nicht über Deinen Wert als Jurist*in. Du verhandelst über eine Zahl im Rahmen eines Marktes. Es geht nicht darum, ob Du „zu viel“ bist, sondern darum, wie Deine Qualifikationen und Dein Potenzial eingeordnet werden.

Und ein guter Hinweis für die Praxis: Wenn sich Deine Zahl im ersten Moment etwas unangenehm „groß“ anfühlt, ist das oft ein Zeichen, dass sie realistisch – oder sogar genau richtig – angesetzt ist.

Wenn Du Dein Gehalt ansprichst, agierst Du professionell – genau wie Dein Gegenüber auch.


So sprichst Du das Gehalt im Vorstellungsgespräch an

Du musst im Vorstellungsgespräch keine toughe Verhandlerin oder kein routinierter Verhandler sein. Es reicht, einen klaren, ruhigen Einstieg zu finden.

Ein einfacher Aufbau funktioniert fast immer:

  • Einordnung geben: „Ich wĂĽrde gern noch kurz ĂĽber das Gehalt sprechen.“
  • Eigene Zahl nennen: „Auf Basis meiner Qualifikation und des beschriebenen Aufgabenbereichs stelle ich mir ein Jahresgehalt von … Euro vor.“
  • Stille aushalten: Nicht relativieren, nicht entschuldigen, nicht nachschieben.

Die von Dir genannte Zahl ist nicht nur eine Zahl. Sie ist ein Signal dafür, wie Du Dich selbst einordnest – auf Basis Deiner Qualifikationen, Deines Potenzials und dessen, was Du über die Kanzlei und die Position weißt.

Diese Struktur gibt Dir Sicherheit im Gespräch. Viele scheitern nicht an der Forderung selbst, sondern daran, sie sofort wieder abzuschwächen. Wenn Du Deine Zahl nennst und die Stille aushältst, wirkst du klar, ruhig und souverän – und schaffst die Grundlage für eine Verhandlung auf Augenhöhe.


Was Dir hilft, mutiger zu werden

Mut entsteht nicht von allein. Er lässt sich aufbauen – Schritt für Schritt.

  • Denk den Worst Case zu Ende: In den meisten Fällen passiert wenig. Dein GegenĂĽber sagt Nein oder macht ein Gegenangebot – das Gespräch geht weiter.
  • Ăśbe vorher – laut: Sprich Deine Gehaltsvorstellung aus, nicht nur im Kopf.
  • Mach es kleiner: Du musst nicht perfekt verhandeln. Es reicht, das Thema anzusprechen oder eine erste Zahl zu nennen.

Genau darum geht es: nicht perfekt zu verhandeln, sondern anzufangen. Mut entsteht im Tun – und wird mit jeder Verhandlung leichter.


Dein Stil zählt – nicht das Klischee

Du musst nicht laut oder dominant auftreten, um erfolgreich zu verhandeln.

Auch ruhig, freundlich und klar bist Du wirksam. Entscheidend ist nicht die Lautstärke, sondern Deine Haltung.

Viele orientieren sich an einem Bild von Verhandlung, das nicht zu ihnen passt. Das führt dazu, dass sie sich verstellen, weniger überzeugend wirken – oder gar nicht erst verhandeln.

Viel wirkungsvoller ist es, Deinen eigenen Stil bewusst einzusetzen. Genau dieser Stil ist Teil Deiner persönlichen Marke.


Fazit: Dein erster Schritt entscheidet

Als Nachwuchsjurist*in bringst Du alles mit, was Du für eine erfolgreiche Verhandlung brauchst. Was oft fehlt, ist nicht die Fähigkeit – sondern der Moment, sie für Dich selbst einzusetzen.

Mach Dir bewusst: Du verdienst das, was Du verhandelst – und Du wirst so wahrgenommen, wie Du Dich im Gespräch positionierst.

Das Vorstellungsgespräch ist dafür der erste und wichtigste Schritt. Und der beginnt mit einer einfachen Entscheidung: dass Du Dich traust, Deine eigene Zahl auszusprechen.

 

Zur Autorin: 

Die Anwältin Dr. Anja Schäfer ist Expertin für Networking & Female Leadership in Kanzleien. Als Karrierementorin unterstützt sie exklusiv Jurist:innen in puncto Personal Branding, Netzwerkaufbau und Sichtbarkeit als Expert:in sowie zur strategischen Ausrichtung bei beruflicher Neu- oder Umorientierung und spricht über diese Themen in ihrem „Juristinnen machen Karriere!“-Podcast.

Zum Podcast: www.juristinnen-machen-karriere.de