Veröffentlicht am 01.10.2026
Das Imposter-Syndrom bei Nachwuchsjurist*innen: Bist du wirklich gut genug?
Du hast dein Jurastudium abgeschlossen, erfolgreich das Referendariat hinter dich gebracht und stehst nun mitten im Berufsalltag. Erste Mandate, erste Verantwortung, erste echte FĂ€lle. Und trotzdem meldet sich da regelmĂ€Ăig dieses GefĂŒhl:
- âDie anderen wissen alle, was sie tun. Nur ich (noch) nicht.â
- âIrgendwann werden sie merken, dass ich nicht so gut bin, wie sie denken.â
- âWenn ich einen Fehler mache, werden alle sehen, dass ich nicht hierhergehöre."
Dieses GefĂŒhl hat einen Namen: Imposter-Syndrom (oder auch Hochstapler-Syndrom genannt). Es betrifft Nachwuchsjurist*innen besonders hĂ€ufig â nicht aus Mangel an Praxis-Erfahrung, sondern weil der Einstieg in den Anwaltsberuf hĂ€ufig die Bedingungen mitbringt, unter denen das GefĂŒhl, ein:e Hochstapler*in zu sein, entsteht.
Was steckt hinter dem Imposter-Syndrom
Das Imposter-Syndrom beschreibt das GefĂŒhl, nicht so kompetent zu sein, wie andere einen einschĂ€tzen. Wer als BerufsanfĂ€nger*in davon betroffen ist, schreibt Erfolge Ă€uĂeren UmstĂ€nden zu: GlĂŒck, guter Vorbereitung oder wohlwollenden Vorgesetzten. Die eigene Leistung hingegen wird unterschĂ€tzt.
Das TĂŒckische: Das Imposter-Syndrom betrifft besonders hĂ€ufig leistungsstarke, gewissenhafte Jurist*innen mit hohen AnsprĂŒchen an sich selbst und die zu erbringenden Leistungen. Es ist kein Zeichen von SchwĂ€che, sondern ein Hinweis darauf, dass dir deine Arbeit wichtig ist.
Warum der Berufseinstieg das Imposter-Syndrom begĂŒnstigt
In den ersten Jahren im Beruf ist das Imposter-Syndrom besonders prĂ€sent. DafĂŒr gibt es gute GrĂŒnde.
Du verlĂ€sst ein vertrautes System. Studium und Referendariat haben klare MaĂstĂ€be: PrĂŒfungen, Noten, Ergebnisse. Im Berufsalltag sind die MaĂstĂ€be unsichtbar. Du weiĂt nicht, wie gut du im Vergleich zu anderen bist und das nĂ€hrt die eigene Unsicherheit.
Zudem triffst du im Arbeitsumfeld auf erfahrene (Anwalts-)Kolleg*innen und mitunter auch gut informierte Mandant*innen. Wer in internen Meetings oder in Besprechungen mit Mandant*innen neben jemandem mit zehn Jahren (oder mehr) Berufserfahrung sitzt, vergleicht sich unweigerlich. Schnell entsteht das GefĂŒhl, ein*e Hochstapler*in zu sein, wenn du nur das Ergebnis siehst und nicht den Weg dahin. SchlieĂlich hatten auch mittlerweile berufserfahren*e Kolleg*innen irgendwann einmal ihre ersten Berufsjahre zu bewĂ€ltigen.
Die Erfahrung zeigt: Nicht jede*r Nachwuchsjurist*in bekommt entsprechend Feedback. In vielen Kanzleien wird an WertschĂ€tzung der Leistung von jungen Jurist*innen gespart und wenig explizit gelobt. Das Ausbleiben von Kritik wird nicht automatisch von Berufseinsteiger*innen als Zeichen von Kompetenz gelesen. HĂ€ufiger passiert es, dass das Imposter-Syndrom diese LĂŒcke mit Selbstzweifeln fĂŒllt.
So zeigt sich das Imposter-Syndrom im Berufsalltag
Typischerweise zeigt sich das Imposter-Syndrom in einem von zwei Mustern â oder in beiden.
Variante 1: Du arbeitest ĂŒbermĂ€Ăig viel. Du liest SchriftsĂ€tze dreimal, bereitest dich ĂŒbertrieben vor, machst Ăberstunden. Nicht weil die Aufgabe es verlangt, sondern weil du Angst hast, nicht gut genug zu sein. Der Erfolg kommt, aber du schreibst ihn der Mehrarbeit oder dem Zufall zu, nicht dir.
Variante 2: Du weichst aus. Du meldest dich in Meetings nicht zu Wort, nimmst Chancen nicht wahr und wartest, bis du dich âwirklich sicherâ fĂŒhlst. Das ist jedoch ein Moment, der so nicht kommt.
Beide Muster haben gemeinsam, dass sie das Selbstbild nicht korrigieren. Deine Erfolge zÀhlen nicht, deine Selbstzweifel bleiben.
Die Grafik im Anhang zeigt, wie sich der Kreislauf des Imposter-Syndroms selbst verstÀrkt und warum er sich ohne aktives Gegensteuern kaum von selbst auflöst.
Drei Tipps fĂŒr den Umgang mit dem Imposter-Syndrom
Tipp 1: Deine Sorge, ein*e Hochstapler*in zu sein, bedeutet nicht, dass du auch tatsĂ€chlich eine*r bist. GefĂŒhle sind keine Beweise. Frage dich: Welche konkreten Belege hast du fĂŒr deine Kompetenz? Bestandene PrĂŒfungen, gelöste Aufgaben, positives Feedback â diese Fakten existieren. Trenne Gedanken von Fakten.
Tipp 2: Wenn etwas gut lĂ€uft, nimm dir einen Moment, um es bewusst wahrzunehmen, statt sofort zur nĂ€chsten Aufgabe zu eilen. Was du nicht festhĂ€ltst, hinterlĂ€sst keine Spuren im Selbstbild. Verankere deine Erfolge, indem du dir diese regelmĂ€Ăig notierst.
Tipp 3: Das Imposter-Syndrom lebt von Stille. Wer mit anderen Berufseinsteiger*innen oder gar berufserfahrenen Kolleg*innen offen ĂŒber Unsicherheiten spricht, merkt schnell: Die anderen kennen dieses GefĂŒhl auch.
Fazit: Du bist kein*e Hochstapler*in und mit diesem GefĂŒhl nicht allein
Du bist ein*e Jurist*in, die sich hohe MaĂstĂ€be setzt und dabei immer wieder vergisst, wie weit du schon gekommen bist. Das Imposter-Syndrom ist weit verbreitet, besonders unter engagierten, gewissenhaften Berufseinsteiger*innen. Es ist kein Zeichen mangelnder Kompetenz, sondern Ausdruck eines verzerrten Selbstbildes.
Der Ausweg beginnt damit, dir dieses Muster bewusst zu machen, deine Erfolge aktiv wahrzunehmen, GefĂŒhle von Fakten zu unterscheiden und offen darĂŒber zu sprechen. Es reicht, wenn du heute den ersten kleinen Schritt gehst: dein persönliches Erfolgsarchiv startest, eine vertraute Person ins Boot holst oder dir fĂŒnf Minuten nimmst, um aufzuschreiben, was du in der letzten Woche gut gemacht hast.
Zur Autorin:
Die AnwĂ€ltin Dr. Anja SchĂ€fer ist Expertin fĂŒr Networking & Female Leadership in Kanzleien. Als Karrierementorin unterstĂŒtzt sie exklusiv Jurist:innen in puncto Personal Branding, Netzwerkaufbau und Sichtbarkeit als Expert:in sowie zur strategischen Ausrichtung bei beruflicher Neu- oder Umorientierung und spricht ĂŒber diese Themen in ihrem âJuristinnen machen Karriere!â-Podcast.
Zum Podcast: www.juristinnen-machen-karriere.de
