Veröffentlicht am 28.08.2020

LL.M. IN NORWICH – ein Erfahrungsbericht von Alisia Haber

„Norwich? Wo ist denn das?!“
Das ist die Reaktion der meisten Menschen – und es war auch meine erste Reaktion – wenn sie von einem LL.M. an der University of East Anglia (UEA) in Norwich, England, hören. Warum ich das Studium in der mittelalterlichen Stadt im wunderschönen Osten Englands trotzdem jedem ans Herz legen kann, können Sie hier lesen:  
 
Warum hast Du Dich für einen LL.M. entschieden?

Da ich in der Schulzeit noch keinen längeren Aufenthalt im Ausland verbracht hatte, stand für mich schon während des Studiums fest, dass ich einen LL.M. im englischsprachigen Ausland machen möchte. In meinem Fall fiel der passende Zeitraum auf die Zeit nach dem 2. Staatsexamen (2018/2019). Mir ging es dabei nicht nur um die juristische Weiterbildung, sondern auch darum, mich persönlich weiterzuentwickeln, in einer neuen Stadt zu leben, viele neue Menschen kennenzulernen und natürlich meine Sprachkenntnisse aufzuwerten.
 
Wie hast Du die passende Universität für Dich gefunden?
Obwohl ich auch Bewerbungen in die USA geschickt hatte, war recht schnell klar, dass England das passendere Land für mein Auslandsjahr sein würde. Nicht nur aus finanzieller Sicht, sondern auch, weil ich die britische Kultur kennenlernen und es Familie und Freunden ermöglichen wollte, mich zu besuchen. Außerdem kann England einige renommierte Law Schools vorweisen. Da ich gerne ein Programm im Kartellrecht absolvieren wollte, wurde die Auswahl der Unis deutlich begrenzt. Ich habe mich schließlich u. a. an Unis in London und an der UEA in Norwich beworben. Nachdem die Zusagen eintrudelten, musste ich mich mit der schwierigsten Frage im Rahmen der Vorbereitung auseinandersetzen: Zieht es mich in die aufregende Großstadt London oder möchte ich lieber den Charme einer mittelgroßen englischen Stadt kennenlernen? Ich entschied mich gegen den Trubel der Großstadt und für den Charme des Ostens von England. Diese Entscheidung habe ich zu keinem Zeitpunkt bereut – London ist aber auch nicht einmal zwei Stunden von Norwich entfernt, sodass ich jederzeit Großstadtluft schnuppern konnte.
Neben einem nicht allzu großen LL.M. Programm mit meinem gewünschten Schwerpunkt, das aber aufgrund weiterer Spezialisierungsmöglichkeiten groß genug war, um unterschiedliche Menschen aus vielen Ländern kennenzulernen, bietet die UEA auch ein unglaubliches Sportangebot und eine moderne Sportanlage, u. a. mit zahlreichen Sportplätzen, einem olympischen Schwimmbecken und einer Kletterwand. Es war also klar, dass ich mich dort wohlfühlen würde.
 
Was musstest Du bei der Vorbereitung beachten?
Der aufwändigste Teil der Vorbereitung waren die Bewerbungen. Von der Übersetzung der Zeugnisse und dem Erstellen der Motivationsschreiben über das Einholen der Empfehlungsschreiben bis hin zum TOEFL/IELTS Test, stand einiges an. Parallel habe ich mich um Stipendien gekümmert. Nach Absendung der Bewerbungen, kamen die Rückmeldungen der Unis aber recht schnell.
Die Suche einer Unterkunft lief unproblematisch. Ich entschied mich für ein privates Wohnheim im Stadtzentrum von Norwich. Im Vergleich zu den universitären Wohnheimen auf dem Campus, bot meine Unterkunft wesentlich mehr Komfort.
Da (bisher) für England keine Visumsfragen o. ä. anfielen, konnte ich mich nach der Unterschrift des Mietvertrages und der Buchung meines Fluges entspannt auf mein Jahr in Norwich freuen.
 
Wie lief Dein LL.M. ab?
Die UEA bietet eine große Auswahl an Kursen. Ich konnte also meine in Deutschland erlangten Kenntnisse im EU-Recht vertiefen und zugleich meinen Horizont durch neue, noch unbekannte Bereiche erweitern. Insgesamt wählte ich sieben Kurse verteilt über zwei Semester. Um meine Spezialisierung zu erhalten, musste ich den Großteil der Kurse natürlich im Bereich Kartellrecht wählen. Unterrichtet wurde in Kleingruppen. Einer meiner Kurse im EU-Recht fand beispielsweise nur für drei Student*innen statt. Anders als in Deutschland gab es wenig Frontalunterricht. Die meisten Dozent*innen legten Wert auf einen ausgeprägten Dialog. Allgemein war das Leben an der Law School sehr interaktiv. Es gab regelmäßige Social Events, um den Austausch zwischen den LL.M. Student*innen zu stärken. Außerdem war das Studium geprägt durch eine enge Beziehung zwischen Student*innen und Dozent*innen und einer außergewöhnlichen Betreuung durch das Lehrpersonal. Das fing schon damit an, dass man sich ab dem ersten Tag mit dem Vornamen ansprach. Außerdem wurde jedem/r Student*in ein persönlicher Advisor zugeordnet, der/die regelmäßig zum Austausch über universitäre sowie persönliche Themen zur Verfügung stand.
Die Prüfungsleistung bestand zum allergrößten Teil aus Hausarbeiten. Ich habe daneben nur eine Klausur geschrieben. Zudem musste man regelmäßig Vorträge in kleinen Gruppen halten. Die Abschlussarbeit bestand in einer ausführlichen Hausarbeit („Dissertation“) zu einem Thema meiner Wahl. Aufgrund meiner Spezialisierung entschied ich mich für ein kartellrechtliches Thema an der Schnittstelle zum IP-Recht.
Ein großer Vorteil der UEA Law School war, dass man auf wenige deutsche Student*innen traf. Die LL.M. Gruppe war sehr international, enthielt jedoch nur drei deutsche Studentinnen (einschließlich mir).
 
Wie war das (Studenten-)Leben in Norwich?
Norwich ist eine charmante, mittelgroße Stadt im Osten Englands. Da ich mich schon in meiner ersten Woche vor Ort um die Aufnahme in einen Sport Club der Uni, in meinem Fall die 1. Basketball-Damenmannschaft, bemühte, fand ich schnell Anschluss und konnte mich gut einleben. Die Menschen in Norwich waren offen und sehr nett, obwohl ich meine Herkunft aufgrund meines Akzents kaum verstecken konnte.
Trotz der überschaubaren Einwohnerzahl zeichnet sich Norwich durch ein ausgeprägtes Studentenleben, viele Cafés, Restaurants und Pubs aus. Auch die Norfolk Coast und die Norfolk Broads, ein großes Naturschutzgebiet, befinden sich in der nahen Umgebung. Ein Schwerpunkt des öffentlichen Lebens liegt auf dem Fußball. Zu meiner Freude als Fußballfan, durfte ich 2019 den Aufstieg der Norwich Canaries in die Premier League miterleben – und das sogar unter einem deutschen Trainer! Vielleicht war das auch ein Grund für die Sympathie der Menschen für die deutschen Student*innen…
 
In a nutshell:
Das Jahr in England war also eine großartige Erfahrung. Ich kann jedem nur empfehlen, den Schritt zu wagen und einen LL.M. im Ausland zu machen. Nach einem deutschen Jurastudium ist man zweifellos gut auf das Studium an einer ausländischen Uni vorbereitet.
Egal für welche(s) Land, Uni oder Programm man sich schließlich entscheidet, die Zeit lohnt sich in jedem Fall! Aus meiner persönlichen Sicht kann ich nur jedem ans Herz legen, sich nicht nur auf die großen Städte zu fokussieren, sondern auch ein Auge auf Unis in kleineren Städten zu werfen und der englischen Kultur eine Chance zu geben. Sogar das Wetter und das Essen waren am Ende nicht so schlecht, wie der Ruf, der beidem vorauseilt.
 



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