Wahlstation in New York City – Sommer 2018

Aller Anfang ist… einfach.
Wie von vielen Referendaren war auch mein Ziel die Wahlstation im Ausland zu verbringen. Dabei bietet sich die Tätigkeit in einer Großkanzlei an. In der Regel besteht bereits der Kontakt zu einem deutschen Büro und anders als bei Botschaft und Co. wird man zusätzlich vergütet.

Latham & Watkins hat es mir einfach gemacht. Ich war schon zuvor als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Münchner Standort tätig und blieb dies während des Referendariats. Um neue Einblicke zu sammeln, wollte ich während der Anwaltsstation dennoch in eine andere Großkanzlei. Mein Vorhaben fand Zuspruch verbunden mit dem (zugegebenermaßen verlockenden) Angebot, doch zur Wahlstation zu L&W zurückzukommen und ein ausländisches Büro kennenzulernen.

Nach kurzer Zeit wurde New York City als meine Standortpräferenz bestätigt und der Vertrag zugesandt. Auch bei Referendarkollegen wurde bei L&W bezüglich der Auslandsoption mit offenen Karten gespielt und Wünsche so gut es geht berücksichtigt. Auch wurde niemand bis zur letzten Minute hingehalten – keine Selbstverständlichkeit!

Get it started!
Auch ein bloß dreimonatiger Aufenthalt im Ausland will gut geplant sein. Insbesondere für das Visum ist die Koordination mit der Arbeitgeberseite gefragt und zu diesem Zweck bestand bereits reger Austausch mit dem New Yorker Büro von L&W. Der Start war dann ein Sprung ins kalte Wasser. Fünf Tage zuvor noch in der letzten Examensklausur gesessen, fünf Tage später in der Subway auf dem Weg nach Midtown zum ersten Arbeitstag.

Das Beste an internationalen Großkanzleien? Sie sind international. Neben dem offiziellen Onboarding Programm habe ich inoffiziell noch eine Liste von Münchner Anwälten mit Namen amerikanischer Kollegen am New Yorker Standort erhalten („Sag unbedingt hallo!“). So fand ich auch in einem Büro mit an den 800 Mitarbeitern schnell Anschluss. Kontakte bestehen dabei zum einen, weil man auch von Deutschland aus an internationalen Projekten arbeitet, zum anderen besteht ein firmeninternes Netzwerk, bei dem beispielsweise alle Anwälte eines Jahrgangs regelmäßig in den USA zu Veranstaltungen zusammenkommen.

Der Weg ist das Ziel.
Da ich in Deutschland im Corporate tätig bin, habe ich auch in New York vornehmlich in diesem Bereich gearbeitet. Zwar sieht ein Sale and Purchase Agreement („SPA“) hier im Wesentlichen genauso aus wie ein SPA in Deutschland, allerdings gibt es Besonderheiten. Häufig ist der Marktstandard für einzelne Regelungsinhalte ein anderer, unter anderem wieviel Prozent des Kaufpreises auf einem Treuhandkonto („Escrow Amount“) verbleiben, um nur ein Beispiel zu nennen.

Darüber hinaus konnte ich auch an vielen Pro Bono Projekten arbeiten. Was sich bei so manchen deutschen Kanzleien erst nach und nach etabliert, gehört bei amerikanischen Großkanzleien – nicht zuletzt aufgrund anderer Rechtslage – schon lange zum guten Ton. Die Anwaltskammern einiger Staaten legen sogar eine bestimmte Stundenzahl pro Jahr nahe. Daher konnte ich an abwechslungsreichen einzelnen Mandaten arbeiten, bei denen Mandantengespräche und Gerichtstermine nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren. Besonders spannend waren dabei Asylfälle, die durch Trumps ICE Politik einen tagespolitischen Bezug hatten.

Wie bereits antizipiert ist New York City eine Stadt, die man am besten im Alltag begreift. Ob am Morgen in der arktisch klimatisierten Subway auf dem Weg ins Büro, am Nachmittag im Yellow Cab nach Downtown zu einem Mandantentermin oder bei der Feierabendjoggingrunde am Hudson River. Mir hat das abwechslungsreiche Leben hier gut gefallen.

Daher wollte ich während der Wahlstation nicht nur die Kanzlei von innen sehen. Passenderweise erhielt ich öfter ein nett gemeintes New Yorker: “Do you have nothing else to do in this city… get out of here already!”.