Meine Wahlstation im New Yorker Büro von Latham & Watkins

885 Third Avenue, New York
Die Wahlstation im Ausland zu verbringen, ist eine willkommene Abwechslung zum deutschen Gerichts- und Behördenalltag während des Referendariats und eine großartige und lehrreiche Erfahrung. Neben Botschaften und Handelskammern sind die (Groß-)Kanzleien die beliebtesten Ziele. Entscheidet man sich einen Einblick in die Arbeit amerikanischer Anwälte zu gewinnen, ist die Suche nach einer Kanzlei nicht immer ganz einfach. Eine vorherige Tätigkeit – im Rahmen der Anwaltsstation oder als wissenschaftlicher Mitarbeiter – ist der wohl beste Weg, Kontakt zu Kanzleien mit internationaler Präsenz oder internationalen Partnerkanzleien aufzunehmen.

Die Kanzlei
Ich entschied mich, die Wahlstation im New Yorker Büro von Latham & Watkins LLP zu absolvieren, nachdem ich bereits im Frankfurter Büro der Kanzlei promotions- und referendariatsbegleitend tätig war. Latham & Watkins LLP zählt zu den führenden Wirtschaftskanzleien weltweit, mit über 2.200 Anwälten in 32 Büros. Dabei wird Rechtsberatung in allen Bereichen des Wirtschaftsrechts angeboten. Die Kanzlei wurde 1934 in Los Angeles gegründet. Das größte Büro mit über 350 Anwälten befindet sich heute in New York City. Innerhalb der Kanzlei habe ich mich für den Bereich Corporate entschieden, in dem ich bereits in Frankfurt tätig war.

Die Arbeit
Vom ersten Tag an wurde ich sehr gut in die Kanzlei und die Bürostruktur integriert. Eine einwöchige Orientierungsphase vor Ort bereitete mich auf die Zeit optimal vor. In dieser Woche habe ich alle notwendigen Informationen über die Arbeitsstruktur, die Mandanten, die Mentalität und die Philosophie der Kanzlei erhalten.

Als Supervisor für die Station wurde mir ein Partner aus dem Bereich Corporate zugewiesen. Zudem wurde mir eine Sekretärin zugeteilt, die sich ganz herzlich um mich gekümmert hat und jederzeit für alle Fragen meine Ansprechpartnerin war. Meine Aufgaben habe ich nicht nur von diesem einen Partner erhalten, sondern auch von anderen (Senior-) Associates.

Durch die verschiedenen Ansprechpartner hatte ich, trotz der Größe des Büros, immer das Gefühl ein Teil des gesamten Teams zu sein. Die Arbeitsatmosphäre war sehr angenehm und es wurde sogar begrüßt, wenn ich an jeder Tür, sei es die eines Partners oder die eines Associates, geklopft habe, um Fragen zu stellen, die mir immer ausführlich und sehr freundlich beantwortet wurden. Ich wurde schnell in die Mandatsarbeit und in die Arbeit an Pro Bono-Projekten eingebunden und habe so innerhalb kürzester Zeit viele Kollegen kennengelernt.

Daneben habe ich die Gelegenheit genutzt, an den fast täglich stattfindenden einstündigen Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen, die in der Kanzlei zur Mittagszeit angeboten wurden und bei denen zwischen Pizza und Cola von persönlichen Erfahrungen in Transaktionen berichtet oder über einen neuen Deal heiß diskutiert wurde. Gerade bei diesen Gesprächen zwischen Partnern und Associates spiegelt sich das gute und vor allem lockere Arbeitsklima wieder. Am Abend gab es zudem häufig After Work Drinks in der Lobbybar, bei denen man noch einmal mit den Kollegen den Tag Revue passieren lassen konnte. Ich hatte zudem das Glück, dass mit mir knapp 40 First Years im Oktober/November 2014 eingestiegen sind, so dass eine sehr rege und neugierige Atmosphäre unter allen jungen Anwälten herrschte.

Durch die vielfältigen Aufgaben und die Möglichkeit mit verschiedenen Anwälten zusammenzuarbeiten, habe ich, meinem Wunsch und Ziel entsprechend, einen tiefen Einblick in das US-Recht und die US-Corporate-Kultur erhalten und insbesondere meine Englischkenntnisse, im Hinblick auf die Fachterminologie, verbessern können.

Die Stadt und das Leben
New York City – die Stadt, die niemals schläft. Es gibt einfach so viel zu entdecken. Seien es die vielen Must-Sees von der Freiheitsstatue über den Central Park bis hin zum Broadway Musical, die schier unfassbare Menge an Bars, Cafés und Restaurants oder die zahllosen Museen, Theater und Musikveranstaltungen. Mein Motto war schon nach drei Tagen: Keine Bar und kein Café, keine Veranstaltung oder kein Museum ein zweites Mal, denn ich wollte möglichst viele verschiedene Eindrücke sammeln.

Da man plötzlich in New York City lebt und somit kein Tourist mehr ist, der sich nur für ein paar Tage die Stadt anschaut, nimmt man die Stadt aus einem ganz anderen Blickwinkel wahr. Man muss sich tatsächlich „zwingen“ die Highlights abzuarbeiten – es gibt einfach zu viel zu sehen und zu unternehmen. Dabei hatte ich das Glück, einen Anwalt, der aus New York stammt und mit mir die einwöchige Orientierungsphase durchlaufen hat, kennenzulernen. Ich wurde sehr schnell in seinen New Yorker Freundeskreis integriert. Dadurch hatte ich noch stärker das Gefühl, New Yorker und nicht nur Tourist zu sein. Ich bin aber sicherlich kein Einzelfall, denn an der unglaublichen Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit der New Yorker gemessen, fällt es hier nicht schwer, Freunde zu finden.

Um New York City so gut wie möglich kennenzulernen, bin ich nach der Hälfte der Wahlstation von Greenwich Village, Manhattan, nach Park Slope, Brooklyn, gezogen. Der Weg zur Arbeit ist damit von – für New Yorker Verhältnisse unglaublich kurzen – 20 Minuten auf 40 Minuten mit der Subway gestiegen, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die Geschwindigkeit des täglichen Lebens ist in Brooklyn eine ganz andere als in Manhattan.

Von New York City aus gibt es noch zahlreiche weitere Entdeckungsmöglichkeiten: Boston, Philadelphia und Washington, D.C. locken mit amerikanischer Geschichte und die Bahamas mit Sonnenschein – auch im Winter. Die Strände Long Islands, Cape Cods und Cape Mays sind zudem auch im Winter einen Besuch wert.

Fazit
Ich empfehle jedem/jeder Referendar(in), seine/ihre Wahlstation im Ausland bzw. in New York City in einer Großkanzlei zu absolvieren. Neben der Stadt und den Menschen überzeugt vor allem die Möglichkeit, in die US-amerikanische Rechtspraxis eintauchen zu können. Eine einmalige Stadt, ein einmaliges juristisches Erlebnis, unzweifelhaft: Einmalige drei Monate.