Schwerpunkt China

Herr Schlender, woher kam der Impuls, neben Jura auch Sinologie zu studieren?
Tatsächlich hatte ich das Studium der Sinologie zuerst aufgenommen. Dann kamen irgendwann Perspektivzweifel, weshalb ich mich parallel für das Studium der Rechtswissenschaft einschrieb. Das parallele Studium habe ich dabei meist als Bereicherung empfunden, da beide Fachrichtungen sehr unterschiedlich sind und man so die einzelne Disziplin anders wahrzunehmen lernt. Für die Sinologie entschied ich mich generell aus Faszination für fremde Kulturen. Die konkrete Wahl auf China war dabei gewissermaßen zufällig, da mich etwa auch die übrigen ostasiatischen Länder interessierten. An der Sinologie, die es heute an Universitäten kaum noch gibt und die sich klassischerweise mit dem vormodernen China beschäftigt, hat mich aber vor allem begeistert, dass China eine der ältesten Kulturen unserer Welt ist, die sich zudem – aus unserer Sicht ungewöhnlich – im Wesentlichen nichttheistisch entwickelt hat.

Wie kamen Sie zu Baker?
Auf Baker wurde ich erstmals aufmerksam durch das Berliner Büro, das regelmäßig auf meinem Weg von der Juristischen Fakultät der HU zum nahegelegenen S-Bahnhof lag. Der englische Name der Kanzlei hatte für mich einen Charme von Internationalität, auch da mir Großkanzleien zu Beginn meines Studiums nicht bekannt waren. Als ich dann kurze Zeit später mein erstes Praktikum im Berliner Büro absolvierte, merkte ich gleich in meinem Einführungsgespräch, dass ich hier wunderbar meine Begeisterung für China mit der juristischen Arbeit verbinden kann.

Sie haben bereits über einen längeren Zeitraum in China gelebt und gearbeitet. Worauf muss man sich einstellen, wenn man sich für diesen Schritt entscheidet (Hürden, Herausforderungen)?
Von einem anderen Blickwinkel betrachtet, ist es vielleicht ähnlich wie mit Sprachen: Wenn man einen Satz aus der Muttersprache eins-zu-eins in eine fremde Sprache übersetzt und hofft, verstanden zu werden, stößt man allzu oft an seine Grenzen. Ähnlich ist es, aus meiner Sicht, im alltäglichen Leben: Wenn man hofft, das gewohnte Leben in China eins-zu-eins fortführen zu können, begegnet man ebenfalls oft Grenzen. Daher sollte man grundsätzlich offen sein für die Idee, dass Vieles generell anders funktioniert. Zudem sollte man sich vielleicht mehr über das interessante Neue freuen, als das zurückgebliebene Gewohnte zu vermissen.   Was muss man als Anwalt mitbringen, um in China Business Erfolg zu haben? Wenn man anspruchsvollen Rechtsrat bieten möchte, sollte man gewiss Chinesisch gut sprechen und lesen können. Rechtsvorschriften und alles was damit einhergeht ändern sich derart häufig, dass man mit der Hoffnung auf englische Übersetzungen zu unflexibel wäre. Zudem sollte man sein Verständnis von Rechtssicherheit sensibilisieren. Zum einen ist es in China oft nicht möglich, das Maß an Rechtssicherheit zu erhalten, das man hierzulande durch Gesetz, Rechtsprechung und Kommentarliteratur gewohnt ist. Zum anderen ist das häufig auch gar nicht erforderlich, da mitunter z.B. eine behördliche Zusage mehr wert sein kann.

Ihr schönstes China-Erlebnis?
Von den vorzeigbaren schönen Erlebnissen war das wahrscheinlich der Gewinn der Fernsehsendung "老外来 做客", einer chinesischen Koch-Show. Fernsehshows und Komparsenrollen in Filmen waren während des Studiums in Shanghai immer ein guter Nebenverdienst. Die Endprodukte waren dann aber oft sehr überraschend. In den Filmen war ich meist gar nicht zu sehen und in den Fernsehshows wurden häufig noch zahlreiche komische Effekte im Schnitt hinzugefügt, wie etwa Fragezeichen über dem Kopf.

Wo liegen die größten kulturellen Unterschiede zwischen deutschen und chinesischen Geschäftspartnern?
Da müsste ich vermutlich noch deutlich mehr Zeit mit beiden verbringen, um eine einigermaßen repräsentative Antwort geben zu können. Aber auf den rechtlichen Bereich bezogen, würde ich sagen, dass die Idee von Recht als Leitlinie oder gar absoluter Grenze für geschäftliches Handeln dem deutschen Geschäftspartner näher liegt.

Sie sind auch Lehrbeauftragter an der Humboldt- und der Freien Universität zu Berlin. Hätten Sie sich auch eine universitäre Laufbahn vorstellen können?
Die kann ich mir nach wie vor vorstellen. Allerdings ist das chinesische Recht, das ich meist unterrichte, sehr viel pragmatischer als etwa das deutsche Recht. Falls ich diesen Weg noch einschlagen sollte, scheint es mir daher sinnvoll reichlich praktische Erfahrung zu sammeln. Da ist die Arbeit im Team von Thomas Gilles und Christian Atzler, beide Partner unseres China Desk, hervorragend für mich, da ich hier täglich an Chinabezogenen Mandaten arbeiten kann und zudem von der bereits vorhandenen Erfahrung profitiere.

Ihre drei besten Tipps für die “Next Generation“, die sich für das China-Geschäft interessiert?
Da ich mich selbst noch als Teil der “Next Generation“ sehe, versuche ich es mal für die Übernächste:

• Zunächst sollte man, obgleich Chinesisch gewiss der Inbegriff einer fremden Sprache ist, den Ehrgeiz mitbringen, irgendwann auch chinesische Rechtsvorschriften lesen und auf Chinesisch Verhandlungen führen zu können. Bei Chinesen, die Deutsch lernen, ist das oft selbstverständlich, obwohl für sie die deutsche Sprache mindestens genauso schwer zu erlernen ist.

• Zudem sollte man sich die Zeit nehmen, eine gewisse Weile in China zu leben. Erst dann kommt womöglich eine richtige Begeisterung für Land und Leute auf. Oder das Gegenteil. Aber auch das wäre aufschlussreich.

• Und letztlich sollte man sich wohl in der DeutschChinesischen Juristenvereinigung anmelden, denn dort lernt man ganz viele Gleichgesinnte kennen.

Herr Schlender, vielen Dank für dieses Gespräch.