Legal Tech als Chance für Nachwuchsjuristen

Herr Di Prima, früher Partner einer Großkanzlei, heute CEO eines Legal Tech Start-ups – wieso sind Sie diesen Schritt gegangen?
Pascal Di Prima: Aus Spaß daran, etwas zu tun, bei dem man nicht die billable hours aufschreiben muss (lacht). Im Ernst: Ich war schon immer sehr technikaffin und als Partner in einer Großkanzlei konnte ich diese IT Leidenschaft nicht richtig ausleben. Für mich als Anwalt stand die Mandatsarbeit im Fokus, also europäische Banken und Finanzdienstleister zum europäischen Bankenrecht zu beraten.

Wie sieht Ihre Arbeit bei Lexemo aus?
Pascal Di Prima: Auch bei Lexemo geht es rund um die europäische Bankenregulierung. Unser Ansatz ist, Klarheit in die Komplexität in dieses Rechtsgebiet zu bringen, das sich permanent verändert, und die Analyse effizienter zu gestalten. Zusammen mit meinen beiden Co-Foundern entwickeln wir ein Tool für den Umgang mit komplexen Gesetzestexten. Gerade ist der Einsatz von Technologie unglaublich sinnvoll und macht wahnsinnig viel Spaß.

Frau Trillig, wie soll die Kooperation von Baker McKenzie konkret aussehen?
Claudia Trillig: Lassen Sie mich hierzu ein wenig ausholen und einen Blick auf den Markt werfen: In der Vergangenheit wurde das Thema Legal Tech im Rechtsmarkt eher skeptisch beäugt – es galt als nebulös und mit dem Thema konnte keiner so recht etwas anfangen. In kurzer Zeit hat sich das gravierend geändert. Heute kommt keine Großkanzlei, die dem Wettbewerb standhalten will, um dieses Thema herum. Und noch mehr: Wir haben in unserer Kanzlei beobachtet, dass viele Anwälte Legal Tech extrem spannend finden und als Chance begreifen. Auch unsere Nachwuchsjuristen, die nächste Generation, hat dieses technologiegetriebene Thema für sich entdeckt und oft höre ich in Gesprächen: „Wow, das ist interessant, hier würde ich gern tiefer eintauchen.“ So kam die Idee auf, mit Lexemo eine Kooperation einzugehen, in der unsere Nachwuchsjuristen in ein Legal Tech Start-up hineinschnuppern, und dort die Arbeit und Atmosphäre selbst erleben können.

Herr Di Prima, was können Sie Nachwuchsjuristen anbieten, wenn diese in Ihr Start-up kommen?
Pascal Di Prima:
Beide Welten – die Kanzleiwelt und unser Start-up – haben eine Schnittstelle, nämlich die, juristisch zu arbeiten. Es könnte so aussehen, dass wir – Lexemo und Baker – ein dreimonatiges, gesplittetes Praktikum anbieten. Praktikanten sind zum Beispiel einen Teil ihrer Zeit während einer Woche in der Kanzlei aktiv und den anderen Teil im Start-up. Wir möchten in dieser Zeit den angehenden Juristen Know-how und ein Gespür vermitteln, was es heißt, Legal Tech tatsächlich in der Praxis zu gestalten. Bei uns können die Praktikanten sowohl juristisch arbeiten, aber auch in der technologischen Umsetzung einen Einblick bekommen. Die Einsatzfelder sind vielfältig, und gehen von der Analyse von Gesetzestexten über die Erstellung von MindMaps, Videobearbeitung, technischen Support und der Mitarbeit im technischen Bereich. Sie werden während dieser Zeit 100-prozentiges Teammitglied bei uns und bekommen auch Einblicke in die strategischen Entscheidungen eines Start-ups.

Wird Legal Tech dazu führen, dass sich ein neuer Typ von Jurist entwickelt?
Pascal Di Prima: Zum Teil ja, und wir können diese Entwicklung schon heute beobachten. Schauen Sie sich zum Beispiel Smart Contracts an, auf Deutsch sogenannte „intelligente Verträge“. Sie sind zwar weder intelligent noch Verträge im juristischen Sinne, aber Algorithmen, die Verträge abbilden und sie automatisch abwickeln, ohne dass hierfür Juristen nötig sind. Diese Tools werden die Arbeit des Anwalts verändern. Darüber hinaus werden weite Teil der Arbeit eines First Year Associate durch computerbasierte Tools ersetzt werden. Daher werden sich das Profil und Aufgabenspektrum eines Berufseinsteigers wandeln. Skills wie unternehmerisches Denken, Interesse für Technologie und eine “Hands on“ Mentalität werden zunehmend wichtig und entscheidend für den langfristigen Erfolg eines Anwalts sein. Claudia Trillig: Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen: Den „Anwalt von heute” oder den „Anwalt von morgen” gibt es in der Praxis nicht. Vor rund 20 Jahren war es das A und O, dass ein Anwalt ausschließlich legal
top ist, also sein juristisches Handwerkszeig beherrscht. Business Development war in der Anwaltswelt damals ein Fremdwort. Heute gehören Themen wie Pitch und Akquise von Mandanten zum Alltag eines Juristen. Das Selbstverständnis eines Anwalts und die Anforderungen an seine Arbeit sind also im permanenten Wandel. Um in der Welt der Digitalisierung Schritt zu halten, kommt es darauf an, neugierig und visionär zu sein, bereit zu sein, Risiken zu übernehmen und sich nie zufrieden zu geben, mit dem, was man gerade erreicht hat, sondern stets hungrig zu bleiben, um Neues zu entwickeln.

Was bedeutet das für Juristen, die diese Eigenschaften nicht mitbringen?

Pascal Di Prima: Im High End Bereich wird die klassische juristische Arbeit immer ihren Platz und einen hohen Stellenwert haben. Es geht darum, das Beste aus „beiden Welten“ zusammenzubringen.
Claudia Trillig:
Das sehe ich genauso. Es wird in einem Unternehmen immer diejenigen geben, die eher mit Ideen vorpreschen und die einen ausgeprägteren Unternehmergeist mitbringen als andere.


Frau Trillig, Herr Di Prima, vielen Dank für dieses Gespräch.