Der LL.M. für Juristen – ein (Berufs-)Leben lang profitieren

Dr. Max Oehm, LL.M., gibt Einblicke ins LL.M.-Studium. Er zeigt unter anderem, für wen es sich eignet, wie das Studium im Einzelnen aussieht, was es kostet und was es bringt. Er selbst absolvierte sein LL.M.-Studium von 2011 bis 2012 an der Boston University School of Law und schloss es mit dem “American Law Outstanding Achievement Award“ ab. Heute ist Max Oehm Associate der Praxisgruppe Dispute Resolution bei Baker McKenzie in Frankfurt.

LL.M. = Little Law Master? Oder was bedeuten diese drei Buchstaben eigentlich?
LL.M. bezeichnet den akademischen Titel “Master of Laws“. Doch warum sollte man einen LL.M. machen? Ein LL.M.-Studium ist jedem zu empfehlen, der Interesse an fremden (Rechts-)Kulturen hat und sich ein breitgefächertes Know-how aneignen möchte. Außerdem zeigt der LL.M. dem späteren Arbeitgeber, dass man Englisch als Fremdsprache im Arbeitsalltag sicher beherrscht, vorausgesetzt, man absolviert sein LL.M.-Studium im englischsprachigen Ausland, und dass man sich schnell in einem neuen Umfeld anpassen kann. Ich selbst war von 2011 bis 2012 LL.M.-Student an der Boston University/USA und empfand das Studium als fachlich und persönlich sehr bereichernd.

Wie sieht das LL.M-Studium konkret aus?
Während des LL.M.-Studiums können Kurse frei gewählt werden. Anders als im deutschen Jura-Studium muss man keine Vorlesungen zum Römischen Recht oder zum Familienrecht belegen, nur, weil es für die Abschlussprüfung relevant sein könnte. Zu Beginn des Jahres sucht man aus dem Angebot der Universität die Kurse aus, die normalerweise frei kombiniert werden können. Ich selbst habe bei meinem LL.M.-Studium neben anderen Fächern einen Kurs zum Sportrecht und einen Kurs zu Lobbyismus belegt. Obwohl der Lobbyismuskurs wenig mit Jura im klassischen Sinne zu tun hatte, war er doch mein spannendstes Fach. Die Abschlussprüfungen finden nur in den gewählten Kursen statt, sodass sich keiner deswegen Gedanken bei der Kurswahl machen müsste. Außerdem ermöglicht das LL.M.-Studium, interessante Menschen aus verschiedenen Ländern kennenzulernen. In den meisten LL.M.-Programmen sind heutzutage Studenten von jedem Kontinent vertreten, und die Universitäten bieten oft Veranstaltungen außerhalb des Vorlesungssaals an. Eine weit verbreitete Veranstaltung ist zum Beispiel ein “Potluck Dinner“. Jeder Student kocht ein Gericht aus seinem Heimatland und alle können es probieren. So entstehen viele Freundschaften, die nicht selten auch über den LL.M. hinaus halten.

Der richtige Zeitpunkt
 Für ein LL.M.-Studium bieten sich zwei Zeitpunkte an: Nach dem ersten oder nach dem zweiten Staatsexamen. Für den LL.M. nach dem ersten Examen spricht ganz klar das Alter. Das deutsche Jurastudium dauert lange und häufig sind Juristen 27 Jahre und älter, bis sie das Referendariat abgeschlossen haben. Demgegenüber sind die meisten ausländischen LL.M.-Studenten deutlich jünger, häufig Anfang 20. Der Altersunterschied ist nach dem ersten Examen geringer und erleichtert die sozialen Kontakte außerhalb der Vorlesung. Außerdem spricht für den LL.M. zu diesem Zeitpunkt, dass man nach den schwierigen Examensvorbereitungen erst ein – mal vom deutschen Alltag des Jurastudiums pausiert. Der Gedanke, direkt nach der mündlichen Prüfung mit dem Referendariat zu beginnen und bereits zwei Jahre später das Zweite Examen schreiben zu müssen, mag manchen abschrecken. Hier kann das Jahr „Pause“ vom deutschen Alltag helfen, auch für das anschließende Referendariat. Für ein LL.M.-Studium nach dem zweiten Examen spricht hingegen, dass man die Ausbildung in Deutschland nicht unterbricht. Gerade im Hinblick auf die Klausuren im zweiten Examen kann es sinnvoll sein, die Ausbildung an einem Stück durchzuziehen. Ich selbst habe die erste Variante gewählt. Wie so oft gilt auch hier: Jeder muss selbst entscheiden, welcher Zeitpunkt für einen persönlich der richtige ist. Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht.

Wo sollte ich meinen LL.M. machen?
Die nächste schwierige Frage, vor der jeder Interessierte steht, ist das „Wo?“. USA? England? Australien? Oder doch lieber Südafrika? Die Liste der möglichen Orte ist scheinbar endlos. Möchte ich sagen können, ich war in Harvard oder Oxford? Oder möchte ich neben dem Studium die Südinsel Neuseelands kennenlernen? Ebenso kann auch die inhaltliche Ausrichtung eines Programms im Vordergrund stehen, zum Beispiel bietet die Humboldt Universität in Berlin einen interessanten LL.M. im Bereich der internationalen Streitbeilegung (International Dispute Resolution) an. Wichtig bei der Ortswahl ist, sich dieser verschiedenen Kriterien bewusst zu sein und für sich selbst die richtige Entscheidung zu treffen. Falsch ist es, sich zu stark von Rankings im Internet beeinflussen zu lassen. Kein Ranking kann einem diese Entscheidung abnehmen. Die Boston University, an der ich meinen LL.M. machte, liegt im Herzen der Stadt, entlang der zentralen Commonwealth Avenue zwischen der geschäftigen Innenstadt und dem lebendigen Studentenviertel Alston, direkt am Charles River.

An der Universität kümmern sich Professoren und Mitarbeiter intensiv um die LL.M.-Studenten und stehen mit Rat und Tat zur Seite. Die Türen stehen den Studenten immer offen und die Professoren freuen sich tatsächlich, wenn Studenten mit interessierten Fragen zu ihnen kommen. Hervorzuheben ist auch die Art und Weise, wie Professoren die Vorlesungen gestalten: In den USA wird an den Law Schools nach der sokratischen Methode gelehrt, das heißt, die Professoren stellen Fragen und fordern eine aktive Mitarbeit der Studenten. Zum Beispiel rief mein Vertragsrechts-Professor zu Beginn jeder Stunde zwei Studenten auf, denen er die gesamte Vorlesung über Fragen stellte, während der Rest zuhörte. Da vorher niemand wusste, wer dran kommen würde, bereitet sich jeder stets gut auf den Kurs vor. Um den Studenten ein wenig die Nervosität zu nehmen, trug der Professor in jeder Vorlesung ein Gedicht oder Lied zu den behandelten Fällen vor. Hierzu sagte er zu Beginn des Jahres: I make a fool of myself so that you see that you do not!

Was kostet ein LL.M.?


Um es deutlich zu sagen: Ein LL.M.-Studium ist teuer, aber das Geld wert. Die Studiengebühren variieren stark zwischen den verschiedenen Ländern. Während US-amerikanische Universitäten 2016 bis zu 60.000 US-Dollar an Studiengebühren forderten, liegen die Studiengebühren an australischen Universitäten im Durchschnitt bei 35.000 Australische Dollar, umgerechnet rund 26.000 US-Dollar, also bei weniger als der Hälfte. In England und Südafrika sehen die Zahlen wieder anders aus. Auch die Lebenshaltungskosten sind neben den Studiengebühren bei der Kalkulation zu berücksichtigen. Die Miete für eine Wohnung in New York City ist teurer als die Miete für eine Wohnung in Wellington, Neuseeland. Das ist sicherlich jedem klar. Allerdings darf man neben den Mietkosten andere Ausgaben nicht vergessen: In Wellington brauche ich vielleicht ein Auto, das ich in New York City nicht benötigen werde. Insgesamt sind die Kosten des LL.M.-Studiums für viele verständlicherweise eine große Hürde. Allerdings sollte sich niemand von dieser Hürde ausbremsen lassen. Es gibt mittlerweile viele Stipendien, und in den letzten Jahren haben Finanzierer extra LL.M.-Studienkredite entwickelt. Auch die Universitäten lassen häufig wegen der Studiengebühren mit sich reden und mit etwas Glück erhält man einen “Tuition Waiver“, also einen Nachlass auf die Studiengebühren.

Und schließlich: Was bringt mir ein LL.M.?


Neben den fachlichen Kenntnissen, sind es meiner Erfahrung nach das Arbeiten in englischer Sprache und die wertvollen persönlichen Begegnungen in einem anderen Kulturkreis. Der Mehrwert für künftige Arbeitgeber, egal ob Kanzlei oder Unternehmen, liegt in der Kombination dieser drei Elemente. Wer nur die Sprache lernen will, der macht besser einen Sprachkurs. Und wer sich allein fachlich spezialisieren will, der schreibt besser eine Doktorarbeit. Aber das LL.M.-Studium erlaubt dem deutschen Juristen einen Blick über den Tellerrand, von dem man das ganze (Berufs-)Leben profitieren kann. Für meine Arbeit in der internationalen Kanzlei hat sich der LL.M. ausgezahlt, denn die Arbeit auf Englisch mit Kollegen rund um den Globus aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen gehört für mich zum Tagesgeschäft.