10.08.2017

Viel versprochen – nichts gehalten Was tun, wenn Dein Arbeitgeber nichts umsetzt, womit er Dich „gelockt“ hat?

Der „Kampf“ um die besten Absolventen ist voll entbrannt, und das nicht erst seit gestern. Auf Karrieremessen, in Anzeigen und in Vorstellungsgesprächen präsentieren die Kanzleien sich als offen, tolerant und innovativ. Die Schlagworte, die gerade „in“ sind, werden gerne genutzt, um den Bewerber von der eigenen Kanzleikultur zu überzeugen. Denn eines ist sowohl dem Arbeitgeber, als auch dem Arbeitnehmer heute klar – das Gehalt allein ist kein Kriterium mehr, sich für eine Kanzlei zu entscheiden.
Da fallen Begriffe wie Work-Life-Balance, individuelle und alternative Karrieremodelle, viel Mandantenkontakt, aktive Karriereförderung, Weiterbildung und gleiche Chancen für Frauen. Und ganz sicher ist es so, dass die HR und Recruitment Abteilung sich intern sehr darum bemüht, diese Themen voranzutreiben und sich dafür stark macht. Der ein oder andere Partner sieht die gleiche Notwendigkeit und unterstützt, andere halten auch heute das ganze noch für „Hokuspokus“.
Nun hast Du Dich aber gerade für DIE eine Kanzlei aufgrund dieser Versprechungen entschieden. Vielleicht hast Du Glück, und alles entwickelt sich genauso. Der ein oder andere wird aber in der Praxis leider nicht auf der Sonnenseite sein und nach Arbeitsbeginn schnell bemerken, das die Beschreibung im Bewerbungsprozess mit der eigenen Tätigkeit gar nicht mehr viel zu tun hat. Was Du nun unternehmen kannst, verrät Dir Carmen Schön, Businessprofiler & Speaker:

Themen aktiv ansprechen und das eigene Verhalten reflektieren
Zunächst sollten Sie sich erst einmal einige Wochen einarbeiten und in Vorleistung gehen. Die Kanzlei investiert zunächst in Sie und gibt Ihnen die Möglichkeit, an Wissen und Erfahrung zu partizipieren. Das sollten Sie wertschätzen und Ihren Anteil dazu beitragen. Gleich in den ersten Wochen zu fordern, kommt nicht gut an und zeigt, dass Sie das Investment in Sie als Anwalt nicht sehen. Erst sollten Sie leisten, dann fordern.
Wenn Sie nach den ersten Monaten das Gefühl haben, die Kanzleikultur, die internen Wege und auch Ihre Arbeitsaufgaben verstanden zu haben, dann können Sie sich den nächsten Themen zuwenden. Was genau hat der Partner Ihnen im Bewerbungsprozess versprochen? Und inwieweit weicht Ihr aktueller Arbeitsprozess hiervon ab? Skizzieren Sie das anhand klarer Beispiele und beobachten sich selbst erst einmal. Reflektieren Sie, welchen Anteil Sie selbst daran haben, sich in einer Rolle zu befinden, die Ihnen nicht gefällt. Hat Ihr Partner Ihnen zum Beispiel versprochen, Sie in spannende Projekte einzubinden und Sie stellen fest, dass Sie sich aber nie aktiv einbringen und sich zu Wort melden, wenn die Projektvergabe intern verläuft? Dann sollten Sie auch an Ihrem eigenen Verhalten etwas verändern.
Wenn sich das Thema dadurch aber nicht auflöst, dann suchen Sie aktiv das Gespräch mit dem Partner und berichten kurz, wie sich die Situation aktuell für Sie darstellt. Bringen Sie auch gleich Lösungsvorschläge mit. Viele Partner sind so stark im Geschäft eingebunden, dass andere Themen manchmal schlicht vergessen oder nicht reflektiert werden. Verstehen Sie Ihre Zufriedenheit also als „Holschuld“.

Definieren Sie für sich Kriterien und einen Zeitpunkt
Überlegen Sie ganz genau, was sich für Sie im Arbeitsalltag verändern muss, damit Sie sich wieder wohl fühlen und untermauern Sie das mit Messkriterien. Wenn Ihr Partner Ihnen versprochen hat, Sie aktiv in Ihrer Karriere zu fördern, dann überlegen Sie, was genau das bedeutet. Besprechen Sie auch das ganz offen mit dem Partner und holen sich seine Zustimmung ein.
Zusätzlich kann es hilfreich sein, sich einen Zeitpunkt zu setzen, bis zu dem die von Ihnen gewünschte Veränderung eingetreten sein muss. Gehen Sie dabei aber realistisch vor – Veränderungen geschehen nicht von heute auf morgen.

Suchen Sie intern Alternativen – oder wagen Sie den Sprung
Wenn Sie Gespräche mit dem Partner geführt haben und klar auf der Hand liegt, was genau Ihnen versprochen und nicht gehalten wurde und Sie das Gefühl haben, der Partner hat nachhaltig kein Interesse daran, dieses einzulösen, dann werden Sie aktiv. Manchmal gibt es in der Kanzlei andere Bereiche, die für Sie spannend sein könnten und wo die Kanzleikultur gelebt wird, die Sie sich wünschen. In diesem Fall ist es wichtig, das Sie vorsichtig agieren und mit zum Beispiel Ihrem Mentor oder der HR Abteilung zuvor ausloten, ob und wie eine interne Veränderung aussehen könnte.
Wenn dieses für Sie nicht in Betracht kommt, dann sollten Sie sich ernsthaft die Frage stellen, was genau Sie noch in der Kanzlei bzw. bei dem Partner hält. Manchmal kann es (für beide Seiten) auch eine gute Lösung sein, festzustellen, dass die gegenseitigen Erwartungen nicht zueinander passen. Das ist keinesfalls ein Scheitern, sondern der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Karriere. Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, die Kanzlei zu wechseln, dann reflektieren Sie zuvor ganz genau, was Ihnen nicht gefallen hat und worauf Sie beim nächsten Arbeitgeber besonders achten sollten – ansonsten drehen Sie sich im Kreis.